Sommer in der Gemeinde-Allee

1993 haben wir eine kleine Allee mit Esskastanien und Walnussbäumen zwischen zwei Gebäuden auf unseren großen Gemeindegelände gepflanzt. Heute sind die die Bäume schon sehr groß. Am Sonntag bin ich nach der Foto-Session am Gemeindeteich noch hier vorbei gegangen.

Eine andere Fußballpredigt am Tag des Endspiels 2014 über Römer 12,9-21

Liebe Gemeinde,
ich weiß nicht, wie Ihnen das ging:
Der Dienstagabend war in dieser Woche ein ganz besonderer Tag.

22 Uhr, Anpfiff in Belo Horizonte.
Deutschland spielt gegen Brasilien.
Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft.
Wer wird gewinnen?
Kann sich die deutsche Mannschaft steigern?
Nach den mäßig aufregenden Spielen gegen Algerien und Frankreich?
Oder wird die gelbe Wand von 60.000 Brasilianerinnen und Brasilianern sie beeindrucken?
Und wie werden die Brasilianer mit diesem Druck fertig?
Mit dem Ausfall ihres Topstars Neymar?
Wird es sie anspornen?
Oder lähmen?

Viele haben es gesehen.
1:0 Müller.
2:0 Klose.
3:0 Kroos.
Eins, zwei, drei, fertig.
Unglaublich gespielt, unglaublich einfach.
Spätestens nach dem 4:0 macht sich Mitleid breit.
Und der Ehrentreffer kurz vor Schluss, Erleichterung.
Wengistens der ist ihnen gelungen.
Wenn auch Neuer tobte.
Sprachlosigkeit bei Kommentatoren, Spielern, im Netz.
Begriffe wie unglaublich und historisch treffen es nicht.
Selbst Analysten wie Olli Kahn verstummen.

Ein unglaublicher Abend.

Es gab aber eine Parallelgeschichte.
Sie hat mich erschüttert.
Und der Jubel blieb mir in der Kehle stecken.

Kurz vor Spielbeginn twitterte ein Journalist vom Strand in Tel Aviv:

„Skurril,
Fußball auf der Leinwand,
Israelis in deutschen Trikots
und im Hintergrund Sirenengeheul und dumpfe Explosionen.“

Während des Spiels liefen Nachrichten aus Tel Aviv über die Ticker.
Raketen trafen Jerusalem.
Israel flog Luftangriffe auf Gaza.

Und wir schauten Fußball.

Auch Menschen in Israel schauten Fußball.
Am Strand.
Andere flüchteten nur etwas entfernt davon in Bunker.
Wenn sie einen fanden.
In Israel ja, aber in Gaza?

Ich bin sicher:
Auch in Gaza gibt es Fußballfans.
Aber keine Sirenen und keine Bunker.

Nach dem Schlusspfiff twitterte jemand:

“Selten kam mir die Welt so absurd vor wie heute.”

Natürlich weiß ich, dass jeden Tag auf unserer Welt gestorben wird.
Dass jeden Tag Menschen in Angst leben.
Wir hören von Afghanistan.
Wir hören vom Irak.
Wir hören von Nigeria.
Momentan so viel.
So schnell hintereinander,
ja nebeneinander,
dass ich kaum nachkomme mit dem Lesen.
Wenn ich es denn lesen will …

Und nebenbei läuft Fußball.

Der Witz ist alt,
dass unbequeme Gesetze am besten während einer Weltmeisterschaft verabschiedet werden.
Weil wir alle mit anderem beschäftigt sind.
Mit wichtigerem.
Wer spielt in der Abwehr?
Wird Klose Rekordtorschütze?
Trifft Müller wieder?
Was macht Lahm?

Ich kann das niemandem vorwerfen.
Ich erlebe diese absurde Verdrehung von Werten und Wichtigkeit in mir auch.
Ich lese auch lieber über Neuer und Kroos als über Massenvergewaltigungen durch die Isis.
Lese lieber über Klose als über die Entführungen von christlichen Frauen und Mädchen durch Boko Haram.
Ja, ich gestehe:
Ich lese den Bericht über Neymars Lendenwirbelbruch aufmerksamer
als den Artikel über die Traumatisierungen von jungen Frauen in Mossul.
Und dem Tod ihrer Väter, die sich schützend vor sie warfen.
Ja, so bin ich, so sind wir.
Brot und Spiele, das hat immer schon Menschen abgelenkt.
Es funktioniert bis heute.

Wir können daran nichts ändern.
Und es scheint auch hoffnungslos.
Wie lange schon stehen sich Israel und Palästinenser verfeindet gegenüber?
Wie lange schon geht der Riss durch Afghanistan und den Irak?

Und immer neue tun sich auf.
In Ägypten und Nigeria.
Im Sudan.
Weit weg?
Nein, es geschieht auch an den Grenzen Europas.
Im Mittelmeer.
In dem Flüchtlinge ertrinken,
während Kreuzfahrtschiffe vorbeifahren.

Genau hingeschaut ist unsere Welt verzweifelt und absurd.
Und widersprüchlich.
Denn sie bringt auch so viele tolle Dinge, Menschen und Erfahrungen hervor.

Ändern an diesen großen Wetterlagen können wir nichts.
Aber hinsehen.
Und erschrecken.
Das tut weh.

Und wir können dankbar sein.
Dass wir so friedlich leben dürfen.
Es ist nicht selbstverständlich.
Vor allem nicht unser Verdienst.
Können wir nicht stolz drauf sein.
In unserer unendlich verwickelten Welt sind wir alle beteiligt.
Irgendwie.

Am Geschäft mit Waffen und Krieg.
An Ausbeutung und Unterdrückung.
Ein und dieselbe Firma in Deutschland baut Minen und Minenräumgeräte.
Zweimal kassieren.
Und der Rüstungsforschungsetat wird erhöht.
Es ist ein Wahnsinn.

Und dann lese ich am Mittwochvormittag dieser Woche den heutigen Predigttext.
Paulus hat ihn geschrieben im Brief an die Gemeinde in Rom (12, 9-21):

Eure Liebe sei ohne Hintergedanken.
Nennt das Böse beim Namen und werft euch dem Guten in die Arme.
Liebt einander von Herzen wie Geschwister und übertrefft euch gegenseitig darin, einander Achtung zu erweisen.
Haltet euch mit eurer Begeisterung nicht zurück.
Lasst euch von der Geistkraft entzünden und setzt euch für den lebendigen Gott ein.
Freut euch, weil ihr Hoffnung habt.
Haltet durch, wenn ihr in Not seid und hört nicht auf zu beten..
Teilt das, was ihr habt, mit den heiligen Geschwistern, wenn sie in Not sind.
Seid jederzeit gastfreundlich.
Segnet die, die euch verfolgen, setzt auf das Gute in ihnen und verflucht sie nicht.
Freut euch mit den Glücklichen und weint mit den Traurigen.
Zieht alle an einem Strang und richtet euch dabei nicht an den Mächtigen aus, sondern lasst euch zu den Erniedrigten ziehen.
Bildet euch nicht zu viel auf eure eigene Klugheit ein.
Auch wenn euch jemand Unrecht zugefügt hat, zahlt es nicht durch weiteres Unrecht zurück.
Bemüht euch darum, allen Menschen gegenüber aufrichtig zu sein.
Soweit es auf euch ankommt, lebt mit allen Menschen in Gottes Frieden.
Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt dem gerechten Gericht Gottes Raum:
„Die Rache liegt in meinen Händen, ich werde alles Unrecht vergelten, spricht der Lebendige.
Wenn dein Gegner hungert, gib ihm etwas zu essen.
Wenn deine Feindin Durst leidet, gib ihr zu trinken.
Ein solches Verhalten häuft glühende Kohlen auf ihrem Kopf auf.“
Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege Böses mit Gutem.
(Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache)

Ich weiß nicht, wie Ihnen das geht:
Mich trösten diese Worte.
Ganz einfach ist das, was ich tun kann.
Und es gibt Hoffnung:
Die Rache liegt in meinen Händen.
Ich werde alles Unrecht vergelten.
Spricht Gott.

Wann endlich…
So lautet mein Stoßgebet.
Du liebst doch deine Geschöpfe.

Und zu der ganzen Verrücktheit unserer Welt gehört auch:
Fußball gucken zu können.
Mitzufiebern.
Jubeln oder leiden.
Das ist auch Teil unseres Lebens.
Wir machen heute Abend im Gemeindehaus auch wieder Public Viewing.
Und die Einnahmen aus dem Getränkeverkauf gehen zur CEBIE-Kirche im Kongo.
In ein Land, von dem wir sagen, es ist ein vergessenes Krisengebiet.

Es ist, wie es ist.
Eine verrückte Welt.
Wohl dem, der sich hier in Gott geborgen fühlen kann.
Dem Gott, von dem her Paulus uns so simple Worte ins Herz schreibt:

Freut euch, weil ihr Hoffnung habt.
Soweit es auf euch ankommt, lebt mit allem Menschen in Frieden.
Bildet euch nichts auf eure Klugheit ein.
Lass dich nicht vom Bösen besiegen.
Sondern besiege das Böse mit Gutem.

Amen.

 

(Nachbemerkung: Seit 1998 habe ich bei allen Fußballweltmeisterschaften eine Predigt gehalten, in der es um das vielfältige Spannungsfeld von Fußball und Kirche, Fußball und Glaube ging. 2014 konnte ich das so nicht, weil sich der andere Film in mein Erleben und Denken mischte. Ich habe Deutschland – Brasilien mit dem Smartphone in der Hand geschaut, weil ich Twitter nicht mehr abschalten konnte, nachdem ich diese erste, oben erwähnte  Nachricht gelesen hatte.)

Noch einmal Primark: Widerstand aus der privaten Ecke

Primark lässt mich nicht los. Meine emotionale Reaktion zwischen Entsetzen und Aufschrei in der letzten Woche hat mir gezeigt, dass hier (für mich) eine Grenze überschritten wird, die an Grundfesten meiner Vorstellung von einem guten Leben aller (als Ziel allen Arbeitens und Wirtschaftens) rüttelt. Und damit an den Vorstellungen vom Wert unseres individuellen Lebens.
Nun ist gestern die Primark-Filiale am Alex in Berlin eröffnet worden und viele Medien haben berichtet, ob nun die Berliner Zeitung, Zeit Online, Spiegel Online oder Stern Online.

Im Beitrag des Stern fand ich dieses Zitat:

Auf dem Alexanderplatz wollen sie mit den Primark-Kunden reden, sie wachrütteln. Doch bei Leuten wie Katja beißen sie damit auf Granit. Mit ihr kann man nicht streiten. Denn Katja ist mit allem einverstanden. “Die haben ja Recht”, sagt sie und zuckt mit den Schultern. “Klar ist bei Primark nicht alles sauber. Trotzdem sag ich: na und? Guck mal, heute eröffnet ein Stück weiter ein Kik. Wieso demonstrieren die Leute nicht da?” Man habe heute in Deutschland ganz andere Probleme. Da müsse jeder gucken, wo er bleibt. Für Helen und ihre Mitstreiter sind Katja und all die anderen Mädels in der Primark-Schlange eine moralische Katastrophe: Sie kennen ihre Argumente, sie bestätigen sie – und warten dennoch auf die Eröffnung. Moneten gegen Moral, ein ungleicher Kampf.

Sie wissen es, und können, wollen nicht anders. Die Gier nach Geld lässt nicht nur die Verantwortlichen von Primark unter grauseligen Bedingungen legal (!) produzieren, die Gier nach Geld stellen auch die Kund/-innen über alle Moral. Hauptsache, billig. Geiz ist geil. „Ein ungleicher Kampf.“ Eine Zeitansage.

Wenn ich hier weiter nachdenke, dann finde ich auch solches Empfinden in mir. Die Frage, was etwas kostet, was es mir wert ist, beschäftigt mich doch auch Tag für Tag. Und die Schnäppchen locken, die mir nicht nur (angeblich) Geld sparen, sondern auch das Gefühl vermitteln, besonders schlau gehandelt zu haben. Eben ökonomisch sinnvoll. Sparsam. Für meinen Geldbeutel. Das Gift der umfassenden Ökonomisierung ist überall in unsere Gegenwart eingedrungen, auch in mir, auch in unseren kirchlichen Diskussionen um das „Sparen“ .

Ich trete zurück, versuche Abstand zu gewinnen.  Nach einer Weile fällt mir ein, dass ich mich während meiner Dissertation (Entgrenzung und Begrenzung von Arbeit) mit Günter Voß und seiner Doppelthese vom „Arbeitskraftunternehmer“ und dem „arbeitenden Kunden“ beschäftigt habe. Die Bücher von Voß und seinen Mitstreitenden aus den Jahren 2003 und 2005 lesen sich mittlerweile wie aus einer fernen Welt. Es wird bereits beschrieben, was Primark gerade perfektioniert, nämlich „uns“ als arbeitende Kund/-innen ökonomisch abzuschöpfen und auszunutzen. Unsere Subjektivität, so Voß, wird immer mehr in einer Anpassung an Markt und Konsum aufgehen und stellt daher eine neue Form von Selbstentfremdung dar.

Im Blick auf Primark und seine Werbeplattform Primania formuliert: Wie sehr bin ich „ich“, wenn ich mich in den Massenklamotten des Anbieters ablichte und das Selfie hochlade? Die Individualität besteht subjektiv in dem Gefühl aus einer Masse von Möglichkeiten selbst gewählt zu haben. Die Entfremdung besteht darin, dass ich dennoch nur aus einem begrenzten Massenangebot gewählt habe, letztendlich nichts anderes darstelle als Abziehbild einer tausendfach kopierten Schablone. Die vermeintliche Individualität, die ich mit dem Selfie auf Primania hoffe auszudrücken, bezieht sich nicht auf meine Person, mein Aussehen – sondern auf eine Kombination aus den Schubladen einer Massenindustrie, die mir durch ihrer exorbitant billigen Produkte noch vorgaukelt, jeden Tag anders aussehen zu können. Individualität ist somit: Jeden Tag anders aussehen können. Das ermöglicht mir Primark und nutzt meine Gier geschickt aus. „Ich kann mir kein T-Shirt für 30 € leisten, aber jeden Tag eins für 2 €.“

Gut: Wenn die Welle von Selfies abebbt, bricht die Idee von Primark zusammen, Werbung nur über die Selbstausbeutung der Kund/-innen zu machen. Das wird nur niemand in der Konzernzentrale wirklich stören, der Gewinn ist gemacht, das Kapital wandert weiter, die Beschäftigen hier wie in der weiten Welt verlieren eben ihren Job. Pech gehabt, das ist Marktwirtschaft.

Allerdings bleibt Voß hier nicht stehen, sondern er macht mir Mut. Er erkennt in diesen Entwicklungen nicht nur neue Formen von Entfremdung, sondern auch neue Chancen für Widerstand, weil der fortschreitende Prozess der Ökonomisierung durch die Einbeziehung des arbeitenden Kunden zu einer größeren Alltagsnähe führt. Voß vermutet:

Versuchen Betriebe nun auf informellem Wege in neuer Weise Arbeitskraft zu nutzen, und greifen sie dazu auch noch in die bisher noch relativ unzerstörten sozialen Biotope des Privaten ein, dann müssen sie (und die Gesellschaft insgesamt) mit Überraschungen rechnen. Arbeitende Kunden könnten sich als wesentlich störrischere und lästigere We­sen erweisen als die konventionellen Arbeitskräfte, selbst als die (zumindest bisher noch) so marktkonformen Arbeitskraftunternehmer und erst recht als die brav kaufenden Kon­sumenten alter Art. (Der arbeitender Kunde, S. 223)

Der Kampf um das Private tobt zur Zeit. Hier sind wir doch als Kirche genau richtig. Haben nicht manche Politiker schon immer versucht, uns auf den Privatbereich zu beschränken? Nehmen wir unsere Kompetenz und Erfahrung – die uns zugeschriebene und die vorhandene – wahr und ernst. Ja, wenn es um die Beschreibung und Formulierung der Grenzen von Menschenwürde geht, da haben wir etwas zu sagen. Und wenn man versucht hat, uns in die Grenzbereiche des Lebens zu verweisen, dann gehen wir eben aus dieser Ecke heraus zum Gegenangriff über, wenn die Ökonomisierung unserer Lebenswelt nun auch die letzten Winkel unserer Existenz bedroht.

Momentan geschieht dies vor allem über Bilder und/oder Videos. Sehen und gesehen werden ist immer schon ein tiefes Bedürfnis von uns Menschen. Sollten die eingenähten Schnipsel in den Primark-Kleidungsstücken echt sein, dann entspringt dieses Vorgehen auch dem verzweifelten Wunsch, wahrgenommen zu werden.

Sehen und gesehen werden, ein Grundbedürfnis. Wo beginnt der Schutzraum des Privaten? In unserer Gegenwart scheint es keine Grenzen mehr zu geben. Aber dies stimmt nicht! Spätestens wenn ich auf die dunkle Seite schaue und die menschlichen Tragödien in den Blick nehme, wenn Bilder von Menschen gegen ihren Willen veröffentlicht werden. Ob das nun in der BILD-Zeitung oder auf Facebook geschieht – Menschen haben ein Gespür, was geht und was nicht, spätestens wenn es zu spät ist…

Hier sehe ich Chancen und Pflichten für uns als Christ/-innen und unsere kirchlichen Einrichtungen. Unaufgeregt, aber konsequent mit Bildern von uns und anderen umgehen. Das ist konkreter Widerstand gegen die fortschreitende Ökonomisierung und die Zerstörung der letzten privaten Räume.

Zum Beispiel:

- Keine Fotos oder Videos bei Taufen, Hochzeiten und (zukünftig auch) bei Beerdigungen. Darüber kann diskutiert und gestritten werden, in unseren Gremien und mit den Familien. Und dann tritt vielleicht jemand aus, weil wir untersagt haben, dass die kirchliche Trauung für irgendsoeine RTL-Hochzeitsshow aufgezeichnet werden darf.

- Bei Sommerfesten im Kindergarten und Gemeindefest fröhliche Fotos machen und trotzdem Rechte beachten. Wie es sogar unter Beteiligung vieler Fotograf/-innen gehen kann, habe ich im letzten Jahr mit dem Bildblog zum Ökumenischen Kirchentag in Voerde gezeigt.

- Guter Umgang mit Fotos bei Kindern und Jugendlichen. Ein Beispiel: ich fotografiere „meine“ Konfis so lange für die Plakatwand im Gemeindehaus, bis sie mit ihrem Foto zufrieden sind.

-Zurückhaltung in der Veröffentlichung von Fotos von sich selbst in den sozialen Netzwerken.

- „Gute“ Fotos von Haupt- und Ehrenamtlichen auf unseren virtuellen Präsenzen.

Die Grundhaltung lautet: Achtsamkeit und Respekt vor der Person des/der Anderen. Im Umgang mit Bildern, die wir „machen“ und das lässt sich von hier schnell erweitern zur Wahrnehmung und Wertschätzung der Leistung des/der Anderen in all seinen/ihren Tätigkeiten.

Je mehr ich über diese Zusammenhänge nachdenke, umso mehr Beispiele fallen mir auf und ein, und das macht mir Mut. Die Richtung ist klar und ich bin motiviert, hier weiterzuarbeiten. Mein Unbehagen bleibt, wenn ich an Primania und die Näherinnen in Bangladesh denke. Aber ich sehe konkrete Handlungsfelder, ich bin nicht ohnmächtig (mache mir aber auch nichts vor). Diese Grundhaltungen bewusst machen, durchdenken und einüben. Da gibt es viele Ansatzpunkte auch in meinem, unseren kirchlichen Umfeld. Und Selbst-Bewußtsein strahlt aus, weil ich weiß wo ich stehe und warum. Beteiligung am Widerstand ist möglich. Er hat in unserer Gesellschaft bereits begonnen. Vor Primark am Alex standen Protestleute und in vielen Gemeinden handeln wir „vorbildhaft“ im Umgang mit Fotos und Videos.

Die Ansatzpunkte für „Widerständigkeit“ sind da. Bei Primark nicht einzukaufen ist für mich ein Schritt in die richtige Richtung. Über Bildrechte in meiner Gemeinde nachdenken ist ein zweiter. Wie heißt es im Kinderlied: „Viele kleine Leute, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Ausdruck christlicher Hoffnung für die einen, lächerlich-weltfremd für die anderen. Wir sind als Christ/-innen hier in einer „guten“ Tradition:

Hört dies, die ihr den Armen zertretet,
um die Bedürftigen des Landes zu beseitigen,
die ihr sagt:
Wann geht der Neumond vorüber,
damit wir Getreide verkaufen,
und der Sabbat, damit wir Kornsäcke öffnen,
damit wie den Messbecher verkleinern und das Silbergewicht vergrößern,
und die Waage fälschen, die schon gefälscht ist,
um die Hilflosen zu kaufen für Kleingeld
und die Verarmten für ein paar Sandalen.
Auch den Getreideabfall verscherbeln wir!
Gott schwört angesichts der Arroganz Jakobs:
„Ich werde alle ihre Taten nicht vergessen.“
(Amos 8,4-7, BigS)

Primark: Ökonomisierung in Perfektion als (Selbst-) Erlösung

Gestern las ich auf Zeit-Online diesen Artikel: „Jagd nach textilen Erlösungsmitteln“. Ich hatte von Primark noch nie gehört, ehrlich. Mein Magen zog sich beim Lesen zusammen und ich habe mich gefragt: Was entsetzt dich an diesem Artikel so?

Ich konnte es erst einmal nicht sagen.

Es ist nicht die Tatsache, dass die Arbeitsbedingungen der Mitarbeitenden in den Zulieferbetrieben katastrophal sind. Das sind sie, keine Frage. Aber auch anderswo und: Ethisch „sauber“ bleiben zu wollen ist als Ziel unverzichtbar, aber in der Praxis leider schwer umzusetzen. Seitdem ich als Mitglied des Sozialethischen Ausschusses der rheinischen Landeskirche die Diskussion um ökofaire Vergaberichtlinien mitbekommen habe, bin ich ernüchtert. Egal ob es um zertifizierte Grabsteine, Papier, Kleidung oder Lebensmittel oder gar um Geräte aus dem Elektrobereich geht – die Lieferketten sind in unserer komplexen und vernetzten Welt oftmals nicht oder nur mit riesigem Aufwand nachzuvollziehen. Und das gilt im Kleinen auch – aufgrund der Fülle von Artikeln, die jede/r von uns Tag für Tag, Woche für Woche, Monat um Monat kauft, kaufen muss, sind wir nur punktuell in der Lage, die notwendigen ethischen Überprüfungen vornehmen zu können. Wir können auf die entsprechenden Labels vertrauen, ja. Das ist mehr als nichts und doch frustrierend wenig.

Aber das ist es nicht, was mich an diesem Artikel entsetzt.
Sondern die Tendenz zur totalen Ökonomisierung und Selbstentblößung.

Vielleicht liegt es an meinem Alter, aber die Beschreibungen von Menschen-Scharen (fast) allen Alters, die sich um Schnäppchen schlagen, die tütenweise alles mögliche aus dem Laden schleppen, drehen mir den Magen um. Vor meinem inneren Auge entsteht eine Szenerie, die ich eher im Comic verorten würde als in der Realität. Was passiert mit uns, wenn wir Menschen uns so entblöden? Welche Verzweiflung drückt sich in solch panikartigem Verhalten aus? Ich muss da rein, muss dem neuen Trend folgen, brauche neue Klamotten, jede Woche, sonst ist mein Leben nichts mehr wert. Und das Perfide, es wird nicht so empfunden. Ganz im Gegenteil. Die Inszenierung gaukelt mir vor, Zitat aus dem Artikel:

Ein Spätsommernachmittag in Berlin. Eine junge Frau schmiegt sich in der Straßenbahn an ihren Freund. Er spielt mit seinem Handy. Sie blickt gedankenverloren über den Alexanderplatz, über den die Bahn jetzt im Schritttempo fährt, legt ihren Kopf auf seine Schultern und seufzt. „Ey“, sagt sie plötzlich, und man hätte ihr diese Entschiedenheit in der Stimme gar nicht zugetraut, richtet sich auf, nimmt das kleine hässliche, nikotinfarbige Haus gegenüber von C&A ins Visier und sagt: „Wenn hier endlich Primark einzieht, dann ist mein Leben perfekt.“

Natürlich weiß ich, dass die Inszenierung auch nur das Bedienen kann, was im Trend der Zeit liegt. Komplizierte Wechselspiele von Angebot und Nachfrage sind das. Mich erschreckt, wie abgrundtief sich die Ökonomisierung in unser aller Fühlen eingeschlichen hat. Und ich kann es nachempfinden, das Gefühl. An manchen Stellen fühle ich ähnlich. Vielleicht nicht bei Primark, aber an anderen Stellen im alltäglichen Leben. Ich muss mir und ich kann mir Dinge kaufen, damit ich glücklich bin. Mir ist schlecht.

Verbunden ist dies hier mit der Bereitwilligkeit, sich selbst zu entblößen.

Das ist auch auf anderen Plattformen wie Facebook zu beobachten. Momentan ist es irgendwie „in“, alte Baby- oder Kinderfotos zu posten. Und natürlich den eigenen Nachwuchs. Neben Selfies. Ja, Bilder sind „in“, das merke ich auch, wenn ich auf Facebook oder meinem Blog Fotos oder Galerien einstelle, dann bekomme ich mehr Likes und Aufrufe als auf Texte.

Und mit Bildern kann viel gesagt werden. Instagram finde ich auch toll, ein Foto, eine Aussage. Aber ich tue mich auch dort  aber mit Personen schwer (ich gestehe: es gibt auch ein oder zwei von mir). Scheue mich mein Gesicht zu zeigen und die anderer. Es ist mehr ein Gefühl, dass das nicht gut ist, sich nicht gehört, wie man so zu sagen pflegt.

Dennoch:
Sehen und gesehen werden, das ist „in“. Vor ein paar Wochen habe ich in der Konfirmationspredigt auch drüber nachgedacht:

„Aufmerksamkeit bekommen. Danach sehnen wir uns. Damals wie heute. Ob wir 14 sind oder 44 oder 74. Ich möchte, dass ich gesehen werde. Gelobt werden. Ich will gar nicht unbedingt im Mittelpunkt stehen, nein. Aber dass man mich wahrnimmt, mich mag und es mir zeigt. Durch Worte, Gesten, durch Blicke, durch Taten, manchmal auch nur durch den simplen Like auf Facebook, Instagram und Co.

Und wenn ich diese Aufmerksamkeit nicht bekomme, dann geht es mir schnell schlecht. Ich denke: Keiner mag mich. Warum mag mich keiner? Da unterscheiden sich damals und heute nicht. Egal, ob ich 14, 44 oder 74 bin. Wenn ich keine Aufmerksamkeit bekomme, dann werde ich schnell traurig, deprimiert, ziehe mich zurück. Oder werde zynisch und am Ende manchmal sogar gewalttätig, weil sich mein Frust, meine Enttäuschung, nur noch Luft verschaffen will. Dann fühle ich mich für einen kleinen Moment besser und hinterher noch viel schlechter.“ (Zachäus oder: Mit dem Smartphone auf die Kanzel)

Und dann gucke ich heute auf Primark unter Primania, wo dort die Werbung läuft. Ich kaufe die Klamotten, ziehe sie an, mache ein Selfie und ab auf die Website. Schaut mal, wie schick ich aussehe. Genialer Marketingidee, Werbung wird überflüssig, das machen die Kund_innen selber, und das gesparte Geld kann wieder der Verbilligung der Produkte zugute kommen. Eine Win-Win-Situation. Aus rein ökonomischer Sicht. Und jede_r kann mitmachen, Smartphone hat eh jede_r und für den Preis kann sich doch jede_r Klamotten o.ä. leisten. Oben und unten verschwinden, der Gegensatz zwischen reich und arm ist nicht mehr sichtbar, alles wunderbar. Primark, Sinnbild moderner Erlösung. Ich könnte kotzen.

primark

Und wenn ich mir so zuhöre, dann denke ich, jetzt hörst du dich schon so richtig alt an. „Früher war alles besser.“ Und als Christ, Pfarrer und Theologe muss ich doch den moralischen Finger heben, ich Spielverderber.

Mag sein, dass das so klingt. Eigentlich suche ich aber erst mal nur in Worte zu fassen, was in mir hoch und runter ging und mich einen ganzen Abend während unserer Kreissynode beschäftigt hat (wir haben „nur“ einen neuen Superintendenten und eine Assessorin gewählt, aber da stand alles vorher schon fest, so konnten meine Gedanken schweifen während des Wahlvorgangs). Ich bin jetzt nicht so der emotionale Typ, und wenn ich so massiv reagiere, dann frage ich mich warum zieht dir dieser Artikel den Magen zusammen und tausend andere nicht? Vielleicht lautet die Antwort:

Ökonomisierung als (Selbst-) Erlösung zu betreiben, wie genial. Und wie schrecklich.

Mir fallen Verse aus Psalm 8 ein:

Ja, ich betrachte deinen Himmel, die Werke deiner Finger: Mond und Sterne, die du befestigt hast – Was sind die Menschen, dass du an sie denkst, ein Menschenkind, dass du nach ihm siehst? Wenig geringer als Gott lässt du sie sein, mit Würde und Glanz krönst du sie. Du lässt sie walten über die Werke deiner Hände. (Psalm 8, 4-7a, nach Bibel in gerechter Sprache).

Warum kommen mir ausgerechnet diese Verse in den Sinn? Ich lese den Artikel auf Zeit-Online noch mal und bleibe am letzten Satz hängen:

Primark ist das große Spiegelbild unserer Gesellschaft. Der Konsument kann sich alles leisten, weil die Würde Schulden macht. „Puppen sind wir“, heißt es bei Büchner weiter, „von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst.“

Da ist der Kern meines Unbehagens beschrieben, merke ich beim erneuten Lesen.

Und doch:
Ich weiß (noch?) nicht warum, aber diese Worte des Psalms beruhigen meine Seele. Erst mal. Irgendwie.

Vielleicht könnt Ihr, können Sie mir sagen, liebe Leser_innen, warum …

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Ein weiteren kritischen Artikel zu Primark fand ich auf Die Welt: Ist Primark tragbar oder unerträglich?