Lebensfreude am/im Arbeiten – soviel du kannst

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Am letzten Wochenende während der intensiven Jahrestagung der »Offenen MentorInnen Akademie der Neuen Arbeit« in Freiburg hatte ich zum ersten Mal seit Abschluss meiner Dissertation den Eindruck, dass eine wesentliche inhaltliche Veränderung sinnvoll sein könnte.

In »Entgrenzung und Begrenzung von Arbeit« habe ich dargestellt, dass Arbeit heute aufgrund vielfältigster Veränderungen nicht mehr definierbar ist. Ich schlage daher vor, »Arbeit« in der Gegenwart in ihrer Vielfalt unter drei Dimensionen zu betrachten, zu beschreiben und zu bewerten: Lebensunterhalt, Lebensfülle und Lebensausdruck (S. 117-128).

Die beiden erstgenannten Dimensionen liegen dabei auf einer Achse. Lebensunterhalt richtet den Blick auf das Notwendige, Lebensfülle stellt die Frage nach dem Genug (an Gütern, aber auch an »Arbeit«). Es gibt eine Grenze, unter derer Menschen nicht menschenwürdig leben können, und es gibt nach oben eine Grenze, oberhalb derer Menschen mit ihrem – erarbeiteten, ererbten – Reichtum nichts mehr wirklich anfangen können.
Die Dimension Lebensausdruck liegt dazu »quer«, sie nimmt auf, dass Arbeit etwas mit meiner Person zu tun hat, meinen Stärken, Fähigkeiten, Begabungen usw.

Die Frage nach der Lust am und im Arbeiten, nach der Motivation zu und in der Arbeit habe ich seinerzeit nicht als eigene Dimension gesehen, sondern unter der Überschrift »Reflexion lustfördernder Arbeitsbedingungen« im zweiten Teil meiner Untersuchung behandelt (S. 272ff.).
Mittlerweile glaube ich aber, dass es hilfreich ist, auch die Lebensfreude als eigene Dimension zu betrachten und zwar als »Gegenüber« des Lebensausdrucks.

Im Spaß an und in der Arbeit, an der Lust am Arbeiten, in der Freude am Tätigsein leuchtet etwas auf, was Lebensausdruck nicht abdecken kann. Lebensfreude stellt die Frage nach der Motivation, nach dem Wofür, nach dem Sinn des Arbeitens und zwar schärfer als ich sie bislang im Lebensausdruck verortet habe. Wo erlebe ich intensive Freude in der Arbeit? Wenn ich zum einen ganz dabei bin, mich aber zugleich in einem Kontext auf ein Ziel hin ausrichten kann, wenn ich das Gefühl habe, am rechten Ort zu sein.

Diese Zuspitzung wurde durch folgende Beobachtung ausgelöst. Es kann sein, dass ich – um es mit Frithjof Bergmann zu sagen – sehr wohl weiß, welche Arbeit ich »wirklich, wirklich will«, dass mir aber zugleich der Kontext, in dem ich mich gerade bewege verwehrt, so tätig sein zu können.  Warum auch immer.  Hier geht die Lebensfreude am und im Arbeiten verloren, weil ich nicht so kann, wie ich wirklich will – und so in langweiligen oder entfremdeten Arbeitssituationen gefangen bin oder auch gar keine Arbeit ausüben kann (z.B. durch Krankheit). All dies gilt keineswegs nur für die Erwerbsarbeit, sondern auch für  Hausarbeit, Familienarbeit, Eigenarbeit, ehrenamtliche Arbeit usw.

Lebensunterhalt und Lebensfülle gehören dabei wie oben bereits ausgeführt zusammen. Sie nehmen die Losung des Evangelischen Kirchentags 2013 »soviel du brauchst« auf (Exodus 16,11-18), die hier gut geeignet ist, weil sie sowohl als Feststellung als auch als Aufforderung gelesen und verstanden werden kann.

Parallel passt für das andere Dimensionenpaar die Aussage: »soviel du kannst«, die ebenso im Indikativ als auch im Imperativ gehört werden kann.

Soviel du kannst, sollst du, darfst du dich in deiner Arbeit ausdrücken (können) mit deiner Person, und soviel du kannst, sollst du, darfst du darin mit Lebensfreude tätig sein.

Somit ergibt sich folgendes Schema:

Lebensunterhalt und Lebensfülle
aufgespannt zwischen soviel du brauchst.

Lebensausdruck und Lebensfreude
aufgespannt zwischen: soviel du kannst.

Das innere Ziel der gesamten Arbeit – keineswegs nur der Erwerbsarbeit! – ist »das gute Leben aller« (Vgl. S. 230).

(Grafisch dargestellt ergibt sich eine Kugel – »das gute Leben«, die durch die beiden Achsen »soviel du brauchst« und »soviel du kannst« aufgespannt wird.)

Diese vier Dimensionen von Arbeit sind nicht so zu denken, dass sie immer und in jeder Tätigkeit vorkommen müssen, damit es sich um Arbeit im vollständigen Sinn handelt. Es ist eine idealtypische Darstellung, die hilft, Tätigkeiten zu bewerten und zugleich Zielsetzungen anzugeben. Menschen brauchen Lebensunterhalt. Lebensfülle zu erleben und mitzugestalten ist genauso so sinnvoll und notwendig, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze. Arbeit gelingt im Blick auf das gute Leben aller am Besten, wenn ich mich in meiner Arbeit ausdrücken kann und Freude dabei empfinde. Dennoch ist klar unter den Bedingungen unserer Welt, dass dies nicht jederzeit alles vollgültig zu verwirklichen ist. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wenn Menschen dauerhaft eine oder mehrere dieser Dimensionen nicht ausleben oder erleben können, dann ist im christlichen Sinn Arbeit nicht vollständig.

Rezension: Social Media in der Gemeinde

Vorweg gesagt: Der Titel ist mir zu nüchtern-protestantisch. Dem Inhalt entspräche viel eher:

»Social Media in der Gemeinde? Social Media in der Gemeinde!«

Mechthild Werner (Social Media Pfarrerin in der Pfalz) und Ralf-Peter Reimann (Internetpfarrer der rheinischen Landeskirche) führen im Dialog durch das Buch. Ihr Anliegen ist vor allem: Werbung machen für das Engagement von Kirche in den sozialen Netzwerken.

In den ersten beiden Kapiteln beantworten die beiden authentisch und erfahrungsgetränkt viele Fragen:

Was sind, sollen, dürfen soziale Netzwerke?
Warum und vor allem wie kann oder gar soll ich mich als Mensch der Kirche dort engagieren?
Wie ist das mit Risiken und Nebenwirkungen?

Ich greife einige Antworten heraus, um die inhaltliche Linie deutlich zu machen. Und als »Appetitanreger«.

Frage:
Warum überhaupt netzwerken?

Antwort:

»Eigentlich ist das ja keine Frage mehr, oder? Christenmenschen leben seit jeher vernetzt, in der Gemeinde, in Gemeinschaft miteinander und mit Gott. Und mehr noch: Wer als Christin mit Gott auf Sendung ist – ›Geht hin in alle Welt‹, so der Sendungsbefehl –, die kann sich nur dankbar ins World Wide Web begeben. Wer Christi Zusage hat – ›Ich will euch zu Menschenfischern machen‹ –, kann zu einem weltweiten sozialen Netzwerk nur Ja sagen. Und wer bei Luther gelernt hat, was ›Christum treibet‹ und wie Medien dazu jederzeit willkommen sind, wird sich kaum einer Vermittlungsform verschließen wollen.« (S. 30)

Frage:
Wer soll es denn machen?

Antwort:
Diejenigen, die Lust und Spaß dran haben. Zwingen kann und sollte man niemand dazu.
Ich kann dem nur zustimmen, aber die Frage ist aber doch eigentlich eine andere. Es gab mal – im Blick auf das Pfarramt – vor Jahren die Aussage, Pfarrersleute seien Universaldilettantisten. Eine furchtbare (Selbst-) Überforderung. Die neuen sozialen Netzwerke stellen erneut die Frage, ob es nicht viel mehr Sinn macht, mehr nach Begabungen, Interessen und Schwerpunkten zu fragen und sich darin gegenseitig zu unterstützen (sich also zu »vernetzen«). Ansätze gibt es auch dazu, die Ausbreitung von Social Media beschleunigt dies (vielleicht). Ganz nach Römer 12,4-8.

Frage:
Noch eine Aufgabe, wie soll ich das denn (noch) alles leisten?!

Antwort:
Es geht (nur) nebenbei:

»Gott sei Dank und manchmal sei´s ihm auch geklagt läuft vieles nebenbei. Nach der ersten Eingewöhnung wird tatsächlich schnell nebenbei gechattet, gemessagt, gepostet, gesimst, oder die E-Mails werden gecheckt. Smartphone und Tablet machen es möglich. (…) Ja, Netzwerken ist ein Zeitvertreib im wahrsten Sinne. Es kostet Zeit, macht zumeist Spaß und spart immerhin auch manchmal Zeit. Schnell mal die Predigtperikope nachgesehen oder gefragt: ›Hat jemand ein passendes Foto zu …‹ Hier bekommt man des Öfteren schnell geholfen. (…) Ganz abgesehen von dem netten Geplänkel mit den Friends oder Followern um Mitternacht. Doch die eigene Freiheit zum Ausschalten nehme ich mir auch (…).. Nein, gegen beginnende Sucht hilft mir stets das Wissen: Ich verpasse nichts im Stream. Was wichtig ist, wird schon zu mir schwimmen.« (S. 37)

Wer hier die Stirn runzelt, den/die frage ich: »Hast du ein Handy?« (Ja.) »Hattest du vor zehn, fünfzehn Jahren auch schon ein Handy?« (Nein.) »Siehste.«
Was ich damit meine: Die sozialen Netzwerke werden in wenigen Jahren auch für die heute noch zurückhaltenden Menschenkinder selbstverständlich sein, so nebenbei. Wann man damit anfängt, muss jede/r selber wissen.

Frage:
Und was kann, soll, muss ich zeigen?

Antwort:

»Werdet persönlich, bleibt professionell« (S. 46).

Sehe ich genauso:
»Privat, öffentlich, persönlich, dienstlich« (Blogbeitrag vom 18.02.2013)

Frage:
Die wollen doch nur Geld verdienen, können wir das unterstützen?

Antwort:

»Wer sich in sozialen Netzen bewegt, sollte sich klarmachen: Anders als eine Website, deren Domain ich besitze oder deren Server ich betreibe, bin ich hier nicht Hausherr. Ich bin Gast auf der jeweiligen Plattform. Die Regeln erlassen die Betreiber. Ich kann mich darauf einlassen oder nicht. Dazu muss ich mich jeweils bewusst entscheiden.« (S. 21)

Im Unterschied zur eigenen Website, die auf einem eigenen Server läuft oder wo Serverrechte eingekauft (!) wurden, ist es in den sozialen Netzwerken immer und überall so: »Wir« sind nur Gäste. Wir, das sind in den Fall wir Kirchensleute, aber grundsätzlich gilt das für alle User. Die Netzwerke werden mit dem Ziel betrieben, Geld zu verdienen. Das ist nicht verwerflich (auch die Telefongesellschaft meines Festnetzanschlusses will/muss Geld verdienen). Diesen Unterschied muss man im Auge behalten, eine kritische Konsumentenhaltung ist hier gefragt – wie eigentlich überall da, wo wir uns im Bereich der Ökonomie und des »Markts« bewegen.

Teil 3 entfaltet und vertieft.

Heiko Kuschel schreibt über Blogs, Markus Eisele über Facebook, Knut Dahl-Ruddies über Twitter, Maja Schäfer und Claudine da Rocha über Youtube, Alexander Ebel über Apps und Co.

Das mag in der Fülle verwirren – und das ist notwendig. Denn die sozialen Netzwerke sind verzweigt und ständig in Bewegung.

Redaktionsschluss für das Buch war Februar 2013. Jetzt im Mai sind wir schon wieder weiter. Tumblr, auf dem Kirchentag in Hamburg ein aufstrebendes Netzwerk – nicht erwähnt. Zu Facebook habe ich dieser Tage gelesen, es sei ein »Oma-Netzwerk«, die Jugend wende sich ab und versuche bei path.com wieder unter sich zu sein. Fragt sich, wie lange. Jede/r, der oder die sich auf Social Media einlässt, muss mit dieser Schnelllebigkeit rechnen und umgehen lernen, sonst klappt es nicht. Alles auf Facebook zu setzen ist wenig hilfreich, wer weiß, ob in zwei, drei Jahren noch eine/r über Facebook redet…

Im Schlusskapitel gibt Anna Neumann einen kurzen Überblick über rechtliche Fragen. Das ist als Grundinformation für Neulinge gut,  richtig und hilfreich, mehr aber auch nicht. Weil die Materie komplex und kompliziert ist – und daher kann die Autorin in aller Ruhe auch auf weiterführende Literatur verweisen.

Mein Fazit.

Die 75 Seiten sind ansprechend geschrieben und lassen sich schnell »weg lesen«. So kommt der werbende Unterton gut zur Geltung. Alle Autor/inn/en sind »Überzeugungstäter/innen«. Man mag sich daran reiben und drüber ärgern. Hauptsache, es hilft zur eigenen Meinungsbildung.

Wenn ich (als »Fortgeschrittener«) eine kritische Anmerkung machen möchte, dann frage ich, wie Gemeinden, Institutionen, Teams in den sozialen Netzwerken gemeinsam auftreten können. Persönlich und professionell soll es sein, ja, aber wie geht das, wenn ich »für« eine Gemeinde schreibe, alleine oder mit anderen? Sind die sozialen Netzwerke nicht sehr/zu stark auf die Beteiligung von Individuen ausgerichtet, viel stärker als das Web 1.0, in dem Inhalte eingestellt und veröffentlicht werden? Hier und da gibt es einzelne Hinweise im Buch, doch wahrscheinlich hätte die intensivere Beschäftigung mit dieser Thematik den Umfang gesprengt. Doch da hilft das Netz dann weiter, z.B. Erik Wegener: »Drücken Sie den Knopf für Gemeinde 2.0«

Also:
Ein Buch für Neugierige, die dann als Anfänger diesen Leitfaden nutzen und später hier als Fortgeschrittene auch noch Anregungen finden.

Deswegen:
Kauft es schnell, lest es schnell und fangt an, denn in einem halben Jahr ist dieses Buch leider schon wieder veraltet, das liegt in der Natur der Sache.

Und:
Wenn ihr »drin« seid, (erinnert sich noch jemand an Boris Becker und AOL?), dann sucht und vernetzt euch mit den Autor/innen, sie freuen sich über eure Rückmeldungen. :)

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Social Media in der Gemeinde

Herausgegeben von Mechthild Werner und Ralf-Peter Reimann.
Erschienen bei eteos. 9,90 €
Bestellung und Auslieferung:
Medienverband der Evangelischen Kirche im Rheinland gGmbH
Kaiserswerther Straße 450, 40474 Düsseldorf
Tel. 0211 43690-422, Fax 0211 43690-400
shop@medienverband.de
http://www.medienverbandshop.de

tumblr auf dem Kirchentag

Wenn ich als Zuhause-Gebliebener nach knapp zwei Tagen ein Zwischenfazit zur Berichterstattung vom Kirchentag ziehen soll, dann fällt mir das leicht: Ich finde Idee und Umsetzung hervorragend, verschiedene Berichterstatter/innen auf tumblr unterschiedliche Blogs mit Fotos, Videos und kurzen Texten führen zu lassen

Heute früh las ich die Tageszeitung. Der Kirchentag kommt vor. Gauck war da, Merkel kommt und Käßmann hat wieder mal einen – guten – Satz rausgehauen, mit den Christ/inn/en, die “nerven” sollen, wenn es um Gerechtigkeit geht. Aber das ist dann so ähnlich wie bei Jauch, immer die gleichen Promis sitzen auf der Couch oder werden von Kameras, Mikrofonen und Bleistiften verfolgt.

Auf dem Kirchentagsblog wurde darauf verwiesen, und ich hab alle dort genannten Blogs auf tumblr abonniert (und noch ein paar mehr, die auch vom Kirchentag berichten): http://www.kirchentag-blog.de/wo-kann-man-etwas-uber-den-kirchentag-erfahren/

Zwei-, dreimal habe ich gestern und heute meinen Account bei tumblr aufgerufen. Da ich kaum andere Blogs dort abonniert habe über die vom Kirchentag hinaus, laufen Bilder, Videos und Texte beim Scrollen vor meinem Auge ab. Und sie geben vor allem atmosphärisch einen Eindruck vom Geschehen. Trommelzauber, Homosexualität und Sport, Bilder von Posaunen und Handys, Regenbogen über Hamburg, Frau Merkel unscharf, Max Mutzke, Bühnen, Menschen in kleinen und großen Gruppen, blaue Schals allerorten, toll.

Ich dachte bei mir:

Wenn ich vor Ort in Hamburg wäre, ja, dann wäre ich näher dran, würde mehr Bilder in mir aufnehmen, mehr Gefühle empfinden, vor allem Gespräche führen und Veranstaltungen besuchen. Das ist aber in diesem Jahr eben nicht möglich.

Aber: Auch vor Ort würde ich nur Ausschnitte wahrnehmen (können). Und deswegen finde ich die Berichterstattung über die sozialen Netzwerke, Twitter, Facebook und vor allem über tumblr echt gut, eine wunderbare Ergänzung zur “öffentlichen”" Berichterstattung der sogenannten “Massen”medien in ihrer fast schon langweiligen Begrenzung auf die Promis, kirchliche wie politische. Die Menschen in den sozialen Netzwerken gucken “wie ich” gucken würde, das ist für mich das Spannende daran.

Daher:
Gratulation und danke an diejenigen, die die Idee hatten und vor allem an diejenigen, die mit Kamera, Handy, Smartphone, Tablet oder was auch immer unterwegs sind und die Eindrücke, Gedanken, Bilder aufnnehmen und weitergeben.

Kommentar zu: »Soll sich Kirche stärker einmischen?« (TAZ vom 23.04.2013)

Soll sich Kirche stärker einmischen? TAZ vom 23. April 2013

Ich selbst bin »groß« geworden als Christ und Theologe in der Zeit der Friedensbewegung. Sozialethisches im Pfarramt war und ist mir daher nie fremd. Und ich beobachte, erlebe es auch, dass die Stimmungslage in »der Kirche« heute eine andere ist als in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Das gilt aber nicht nur für die Kirche. Diese ist in Deutschland aufgrund ihrer Größe aber immer auch ein Spiegelbild gesellschaftlicher Trends und Strömungen, die Kirchentage legen davon Zeugnis ab. Nichtsdestotrotz bedauere ich auch an vielen Stellen, dass »politische« Themen nicht mehr so im Fokus der innerkirchlichen Aufmerksamkeit stehen wie »früher«.

Dennoch:

Mitnichten ist »die Kirche« unpolitisch. Das kann man zum Beispiel dem Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider wahrlich nicht vorwerfen. Allerdings ist er kein »Lautsprecher«. Eindringlich ja, aber ihm liegt nicht an der Schlagzeile in der BILD-Zeitung. Hinter verschlossenen Türen, da bin ich mir sicher im Blick auf meinen ehemaligen »Chef« als Präses der rheinischen Kirche, dort spricht Schneider als »oberster« Repräsentant der evangelischen Kirche in Deutschland auch mal Tacheles. Was ist politischer – die Schlagzeile oder der Dialog unter vier Augen?

Unsere evangelische Kirche ist von unten nach oben aufgebaut, Nikolaus Schneider ist kein evangelischer Papst. Selbstverständlich äußern sich kirchliche Gremien, von Presbyterien und Kirchenvorständen über regionale Synoden und Landessynoden bis zur EKD-Synode zu politischen Fragen. Immer wieder. Ja, es wird so sein, dass die Eindeutigkeit von Ebene zu Ebene schwindet, das liegt vermutlich in der Natur der Sache. Eindeutigkeit allein ist aber noch nicht politisch. Ich habe es selbst oft erlebt und weiß es auch von anderen, dass Kirche auf lokaler und regionaler Ebene gerne angesprochen wird, um moderierend tätig zu werden, wenn »politische« Konflikte eskalieren. Das gelingt sicher nicht immer, wie könnte es auch. In manchen Fragen dürfen »wir« sagen, wir haben hier keine eindeutige Meinung, deswegen bieten wir das geordnete Gespräch zwischen den »Parteien« an. Das ist eine sehr »politische« Tätigkeit. Und manchmal ein Segen.

Und natürlich sind wir alle, Pfarrerinnen und Pfarrer, Christinnen und Christen, Haupt- und Ehrenamtliche in der Kirche Tätige auch Bürgerinnen und Bürger. In unzähligen politischen Gremien sind »wir« als Ratsmitglieder, sachkundige Bürger usw. tätig, vielfach bewusst oder gar im Auftrag von Kirche. Auch das ist »politische« Einmischung. Und die bunte Vielfalt unserer evangelischen Kirche, die wird nun gerade auch immer wieder auf den Kirchentagen sichtbar. Aber bitte: Wenn sich »die Medien« in der nächsten Woche hauptsächlich auf die Highlights wie Merkel und Steinbrück stürzen, dann werden sie von der Breite der Diskussion politischer Fragen innerhalb des kirchlichen Raums nicht viel mitbekommen. Vielleicht erleben wir aber Anfang Mai in Hamburg, dass durch die »neuen sozialen Medien« eine verbesserte Berichterstattung in der Breite und so auch über die »politische« Kirche möglich wird. Zumindest weiß ich, dass meine Social-Media-Kolleg(innen) so einiges per Facebook, Twitter und Co. vorhaben, um den Kirchentag für Zuhause-Gebliebene erlebbarer zu machen.

Und diese neuen Medien erlauben es »uns« viel mehr, wenn auch anders als »früher«, an der politischen Diskussion und Meinungsbildung mitzuwirken. Durch Blogbeiträge und Tweets, durch das Teilen von Facebookseiten, durch die Veröffentlichung von Texten und Beschlüssen kirchlicher Gremien und nicht zuletzt durch die Möglichkeit, mich (um jetzt mal bei mir zu bleiben) jederzeit »als« Pfarrer, Theologe und/oder Christ mit Kommentaren auf den entsprechenden Webpräsenzen einzubringen – wie z.B. durch diesen Beitrag hier. :)

Und zuletzt, ja zuletzt kann ich natürlich noch fragen, liebe TAZ-Redaktion, was Ihr eigentlich genau mit »(un-)politisch« meint. Das, was manchmal so als politisch gilt, ist doch nur ein Ausschnitt. Politik ist doch viel mehr als das, was in den geregelten Institutionen der Demokratie verhandelt und entschieden wird. Politisch ist auch die Diskussion um den #aufschrei, politisch ist auch die Frage, was und wer in den »Medien« etwas zu sagen und zu entscheiden hat, politisch ist auch das vielfältige und riesengroße Engagement ehrenamtlicher tätiger Menschen in Altenheimen, Besuchsdiensten usw., politisch ist nicht zuletzt das innerkirchliche Engagement in kirchlichen Gremien, angefangen von den Elternvertretern im Kindergartenausschuss über Kirchenvorstände bis hin zu Synoden. Weil es überall um die politische Frage geht – wie nämlich unser aller gemeinsames Leben so gestaltet werden kann, dass das gute Leben aller als Zielperspektive nicht aus den Augen verloren geht. In diesem Sinne ist dann nahezu alles, was »die Kirche« macht, »politisch«. Auch die Predigt am Sonntagmorgen, die versucht zu übersetzen, was die bedingungslose Liebe Gottes für das gute Leben hier auf Erden bedeutet und bedeuten kann.

Reblogged: Den Analogien von diakonischem Selbstverständnis und sozialen Medien auf der Spur | diakonisch.de

Interessante Gedanken.

Hinter so manchen Web 2.0-Projekten verbergen sich eher Einbahnstraßen-Kanäle, über die man Infos absetzen will. Das hat mit dem „Sozialen“ der sozialen Medien wenig zu tun. Wenn die Twitter- oder Facebook-Accounts hauptsächlich auf rundgelutschte PR-Informationen verlinken, werden zwar hits und clicks erzeugt, aber keine Teilhabeprozesse ermöglicht.

Deshalb ist die Gretchen-Frage bezüglich social media: “Wie hältst du es mit der Beteiligung?” (und eben nicht: “Twitterst du auch?”). Ist tatsächlich Beteiligung erwünscht? Wenn ja, in welcher Form? Und was ist mit “Beteiligung” eigentlich gemeint? Stellt ein Link oder ein Like schon eine Beteiligung dar? Was passiert, wenn Beteiligung in eine andere Richtung läuft als erwartet oder gewünscht – wird das social media-Format dann wieder eingestellt? (…)

Meine These ist, dass der Grundgedanke der Diakonie und der Kern von social media eigentlich wunderbar zusammen passen. Um was geht es in der Diakonie, was will die Diakonie? Leider werden die möglichen Antworten zu oft und zu schnell auf “Helfen” oder “soziale Dienstleistungen anbieten” eingedampft. Aber Diakonie ist mehr. (…)

Soziale Medien können Werbung (Spendenakquise, Imagepflege, Mitarbeitergewinnung,…) für die diakonischen Dienstleistungen machen und diesbezüglich zum Markenaufbau und zur Markenpflege beitragen. Okay, nichts dagegen einzuwenden, aber dies allein ist schon eine ziemliche Banalisierung. Spannend wird es doch gerade erst bei den anderen genannten Dimensionen: Soziale Medien können gemeinschaftsbildend sein, sie können einen kulturellen Beitrag leisten (die technische und soziale Beherrschung von sozialen Medien ist ja selbst schon ein kulturelles Gut), sie könen aktivieren (und wie!), sie können gesellschaftspolitischen Einfluss generieren. (…)

Diakonie und Gemeinschaft gehören eng zusammen. Gemeinschaftsbildung ist in sich schon diakonisch. Und auch umgekehrt: Wenn ich diakonisch handeln will, ist es eine Möglichkeit, Gemeinschaften zu bilden (irgendwie mag ich ja die englische “Community” lieber als die “Gemeinschaft”, sie hat mehr Facetten). Communities zu bilden ist urdiakonisch. Ob zielgruppenspezifische Communities (wie zum Beispiel diese hier), zielgruppenübergreifende Ansätze wie in der Gemeinwesendiakonie, Mitarbeitenden-Communities oder die Community von christlich engagierten Weltverbesseren – und es gibt noch zig Gemeinschaftsformen mehr… Aufgabe der Diakonie ist das Communitybuilding. Und ein Kern von social media ist, genau: das Communitybuildung.

Auszüge aus: Den Analogien von diakonischem Selbstverständnis und sozialen Medien auf der Spur | diakonisch.de.