Paata Demurishvili: – Jesus bleibet meine Freude

Durch Zufall stieß ich vor ein paar Tagen auf dieses Video auf Youtube.
Eine faszinierende Improvisation über das bekannte Bach-Stück.
Teils zart, weich und langsam.
Teils hart, präzise und schnell.
Lief jetzt bei mir im Hintergrund bei der Vorbereitung der Gottesdienste zu Karfreitag und Ostern.
Wunderschön!

Vor der leeren Leinwand stehen

Vor einiger Zeit las ich Otto Scharmer´s Buch „Theorie U“. Ich fand es in vielerlei Hinsicht spannend und nachdenkenswert, aber in besonderer Weise bin ich am Bild des Künstlers, der Künstlerin hängengeblieben, der/die vor der leeren Leinwand steht.

Im Nachhinein bemerkenswert, weil sich dieses Bild  sofort in meinem Kopf festhakte, ich aber erst viel später ahnte, was Scharmer mit diesem Bild sagen möchte.

„Wir können uns auf das Ding konzentrieren, das aus einem kreativen Prozess hervorgeht – sagen wir, ein Bild;
- oder wir können uns auf den Prozess des Malens konzentrieren; oder
- wir können die Künstlerin beobachten, während sie vor einer leeren Leinwand steht.
Mit anderen Worte: Wir können ihr Werk ansehen, nachdem es geschaffen worden ist (das Ding), während sie es schafft (den Prozess) oder bevor der schöpferische Prozess einsetzt (die leere Leinwand oder die Dimension der Quelle).“ (Theorie U, 32)

Scharmer überträgt dieses Bild auf Entscheidungssiutationen und stellt fest, dass die inneren Quellen, von denen aus Einzelne oder Gruppen, wenn sie wahrnehmen, kommunizieren und handeln, selten bekannt sind. (33) Für Scharmer gibt es zwei Quellen des Lernens:

„Der erste Lerntyp, Lernen aus der Vergangenheit, ist gut bekannt und breit erforscht. Er ist die Basis aller heute bedeutsamen Lernmethoden (…) und Ansätze von Organisationslernen. (…) Manchmal (aber) sind die Erfahrungen der Vergangenheit sogar eher hinderlich für die Lösung aktueller Probleme. (…) Als ich dann nach und nach feststellte, dass diejenigen Führungskräfte (…) die mich am meisten beeindruckten, von einem anderen Kernprozess aus zu arbeiten schienen, von einem Prozess aus, der und in entstehende Zukunftsmöglichkeiten hineinzieht, fragte ich mich: Wie können wir eine zukünftige Möglichkeit, die entstehen will, besser wahrnehmen und uns mit ihr verbinden. Ich nannte diese Wirkungsweise aus der entstehenden Zukunft heraus, während diese entsteht, Presencing. (…) Presencing heißt, sein eigenstes höchstes Zukunftspotential zu erspüren, sich hineinziehen zu lassen und dann von diesem Ort aus zu handeln.“ (34f)

Presencing geschieht für mich, in dem ich vor der leeren Leinwand stehe.

Ich weiß nicht, ob Scharmer diesem Satz so zustimmen würde, aber das ist mir auch egal, weil mich dieser Gedanke seither beschäftigt:

Vor der Leinwand stehen und leer werden, das Vergangene, aber auch das Zukünftige loswerden.

Letzteres überrascht vielleicht angesichts Scharmer´s Überlegungen. Ich meine damit, dass vielfach auch die Zukunft, das zukünftige Handeln, aus der Vergangenheit bestimmt ist oder die Erwartungen, Befürchtungen im Blick nach vorn bereits festgezurrt sind, quasi determiniert. Oder auch, dass ich bereits mit meinen Gedanken irgendwo weiter vorn bin und nicht mehr im gegenwärtigen Moment anwesend. Bei all diesen Formen ist mein Denken, Entscheiden, Fühlen bestimmt durch das Nicht-Anwesendsein. Und ich beobachte mich und stellte fest, wie oft ich nicht vor der leeren Leinwand stehe (einer „offenen“ Zukunft), sondern bereits zu wissen meine, was auf das Bild drauf gehört, die Leinwand an sich gar nicht wahrnehme oder ein Abziehbild, eine Kopie aus einer vergangenen Situation verkaufen möchte, mir und anderen. Das hat mich erschreckt.

Seither versuche ich mehrfach am Tag, vor Ereignissen, Aufgaben, mir dieses Bild vor Augen zu stellen und dort hineinzufühlen. Ich mache die Erfahrung, dass es mich zentriert, mir hilft, mich auf das Hier und Jetzt, die (vor mir liegende) Situation zu konzentrieren. Ich habe keine „Methode“ oder Ritual entwickelt, das liegt mir weniger. Sondern ich versuche, immer wieder das Bild einer leeren Leinwand vor mein inneres Auge zu stellen und dann auf meine Gefühle und Gedanken zu achten.

Die (ersten) Ergebnisse waren überraschend.

Vor einigen, mit sehr viel Stress und innerer Anspannung verbundenen Momenten gelang es mir so, Ängste und Befürchtungen zu beruhigen und mich auf den Moment zu konzentrieren. Vor Gottesdiensten, auch in der Trauerhalle, versuche ich direkt vor Beginn mir dieses Bild vors Auge zu stellen und die Menschen, die vor mir sitzen, sozusagen durch die leere Leinwand hindurch wahrzunehmen. Vor der leeren Leinwand zu stehen, ist zu einer Art Gebet oder auch einem Mantra geworden.

Es entwickelten sich aber auch Situationen völlig anders als erwartet. Auch negative Gefühle nahm ich intensiver wahr als früher, oder eigene Rat- und Hilflosigkeit in bestimmten Diskussionen und Gesprächen. Hier habe ich mich noch nicht getraut, diese Impulse in die Situation zu geben, war bisher zu überrascht über mich selbst, aber ich will dran bleiben.

Das Bild der leeren Leinwand lässt mich anders auf die Zukunft zugehen, mich ihr anders öffnen. Da ich grade ein Buch über Kirche und Zukunft geschrieben habe, trafen diese Überlegungen und Bilder auf fruchtbaren, vorbereiteten Boden. Und nach Leit-Bildern zu suchen und zu fragen, ist mir darüber hinaus schon lange ein inneres Bedürfnis, weil ich eben glaube, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte (aber auch weniger!).

Wie viele andere Gedanken Scharmer´s halte ich auch das Bild des Künstlers vor der leeren Leinwand für sehr anschlussfähig. In der geistlichen Tradition der Kirche sind es die leeren Hände, mit denen ich vor Gott stehe und ihn bitte, sie mir jetzt zu füllen. Dieser Gedanke kann sicher im Sinne einer falschen Demut missverstanden werden: ich bin nichts, ich habe nichts, bin unwürdig vor allem unwürdig, in Deinem Namen, Gott zu sprechen. Ich glaube aber, dass das Bild der leeren Hände eben auch anders gefüllt werden kann. Es ist der Versuch, mich auf das Hier und Jetzt zu fokussieren, störende Einflüsse abzulegen, die mich entweder in der Vergangenheit festhalten oder bereits in die Zukunft ziehen und mich so dem Moment entführen – und damit ist alles verloren, der Zauber des Kairos ist zerstört.

Ich mache mit dem Bild von Scharmer erneut eine Erfahrung, die ich an anderen Stellen auch bereits gemacht habe: die eigene geistliche Tradition bleibt oft stumm für mich, in dem Sinn, das ich ihr zwar sachlich folgen kann, sie mein Herz aber nicht erreicht. Über einen Umweg dagegen werden sie (wieder) lebendig.

So ging es mir mit der „Bibel in gerechter Sprache“, deren konsequenter, aber im ersten Moment fremder Ansatz mir nicht nur an vielen Stellen die biblischen Schriften neu erschlossen, sondern auch die „vertraute“ Übersetzung Martin Luthers. Vor der „Verwendung“ im Gottesdienst und bei der Predigtarbeit lese ich beide sehr gründlich, und versuche zu erspüren, in welcher der Übersetzungen ich mich an dieser Stelle und warum eher wiederfinde. Mein eigenes Vorlesen der Texte im Gottesdienst führt so – in meiner eigenen Einschätzung zumindest – zu einer viel größere Präsenz.

Eine ähnliche Erfahrung habe ich mit dem Begriff der „Achtsamkeit“ gemacht, dem ich bei Jon Kabat-Zinn begegnet bin und der mir das Verständnis des völlig abgegriffenen Begriffs der Demut erschlossen hat (Predigt: Demut ist Achtsamkeit).

Tod des Mose (Deuteronomium 34)

Predigtreihe Wüstenwanderung (III)

Die vierzig Jahre in der Wüste sind herum.
Wieder steht das Volk Israel an der Grenze des gelobten Landes.
Diesmal werden sie den Jordan überschreiten.
Das Land in Besitz nehmen.
Endlich.
Doch einer wird nicht dabei sein.

Mose.
Ihr Anführer und Held.
Der sie aus Ägypten und durchs Schilfsmeer führte.
Der mit Gott auf dem Berg sprach und die Gebotstafeln erhielt.
Der mit Gott rang, als dieser aus Enttäuschung das Volk vernichten wollte.

Vierzig Jahre ist er voran geschritten.
Tag für Tag.
Hat sich das Murren des Volks angehört.
Hat mit ihnen Manna und Wachteln gegessen.
Und sonst nichts.
Vierzig Jahre lang.

Vierzig Jahre lang hat er nachts wach gelegen.
Geträumt vom gelobten Land.
In dem Milch und Honig fließen.
Ziel schlafloser Nächte.
Der Traum, der ihm vor Augen stand.
Wie wird es sein?
Meinen Fuß auf den versprochenen Boden setzen.
Den Duft von Blüten und Früchten riechen.
Aufatmen, ankommen.
Endlich.

Nun ist es so nah, das Traumland.
Und für Mose unerreichbar.
Hineinschauen darf er.
Mehr nicht.
Oben auf dem Berg hört er die Stimme Gottes:
Dies ist das Land, das ich dem Volk Israel versprochen habe.
Doch du wirst nicht hineinkommen.
Und so geschieht es.

Was für eine traurige Geschichte.
Warum lässt Gott ihn nicht hinein?
Ein paar Tage mehr.
Nach vierzig Jahren und mehr.
War das nötig?
Sein ganzes Leben hat er in diese Aufgabe gesteckt.
Gearbeitet.
Gerackert.
Gestritten.
Gekämpft.
Geärgert.
Und vor allem:
Geträumt vom Zielstrich.
Von diesem einen Tag.
Und nun:
Doch du sollst nicht hineinkommen.

Wir kennen das, oder?

Die Goldene Hochzeit ist geplant und man erlebt sie doch nicht mehr.
Ich muss in Pension gehen, weil die Altersgrenze erreicht ist und ein anderer führt meine Aufgabe zum Erfolg.
Ich will noch den Enkel groß werden sehen, den 18. Geburtstag mitfeiern, aber es kommt anders.
Die Mutter, von einer Krankheit dahin gerafft, sieht die eigenen Kinder nicht aufwachsen.
Ich fange etwas an und einer, eine andere führt es zu Ende.

Es gibt keine Garantien, sagt das Leben und die Bibel.
Selbst ein Mann wie Mose hat bei Gott keinen Stein im Brett.
Wenn es Zeit ist zu gehen, dann müssen wir gehen.
Traurig.
Bitter.
In unserem Empfinden oft ungerecht.
Wir suchen nach Erklärungen.
Fragen:
Warum?
Warum, Gott?
Warum so früh?
Warum ausgerechnet jetzt?
Die paar Tage, musste das wirklich sein?

Die Geschichte wird in der Bibel in dürren Worten erzählt.
Nur die Fakten werden genannt.
Ohne Erklärung.
Ohne Begründung.
Sie schreit nach einer Auslegung.

In der sixtinischen Kapelle in Rom hängt ein Bild von Luca Signorelli:
Die letzten Tage des Mose.
Mose steht auf dem Berg.
Ein Engel zeigt ihm das versprochene Land.
Gramgebeugt steht Mose da.
Schaut hinunter.
Mit sehnsuchtsvollen Augen.
Traurig.
Dann muss er sich abwenden.
Hinunter gehen.
Das hat Signorelli auch gemalt.
Schweren Schrittes steigt Mose hinab.
Um seinen Nachfolger zu bestimmen.
Und sich dann zum Sterben zu legen.
Aber hinter Mose ist ein Schatten zu sehen.
Ein Engel begleitet Mose.
Lässt ihn nicht allein.

Ich verstehe das Bild so:
Gott wendet sich nicht ab von denen ab, die ihre Ziele nicht erreichen.
Von denen, die die Früchte ihrer Arbeit nicht ernten.
Von denen, die ihre Träume nicht in Erfüllung gehen sehen.
Gott hat unsere Welt so eingerichtet, dass dies möglich ist.
Die einen erhalten den Siegespreis, die anderen nicht.
Die einen ernten die Früchte ihrer Arbeit, die anderen nicht.
Die einen sehen ihre Träume wahr werden, bei anderen erst die Nachfolgenden.
Wenn überhaupt.
Aber an Gottes Nähe ändert das nichts.
Weder Erfolg noch Scheitern können uns von seiner Liebe trennen.
Er lässt uns nicht allein.
Niemals.

Amen.

Scheiternde Pfarrer/-innen.

Andacht im Pfarrkonvent Dinslaken am 9. April 2014

I.

Vor drei Jahren regte Rechtsanwalt und Insolvenzberater Dr. Linderhaus im Sozialethischen Ausschuss (SEA) an, sich mit der Frage nach dem Scheitern von Menschen in unternehmerischen Zusammenhängen zu befassen. Seine Beobachtung: Wenn ein Betrieb Pleite geht, bekommen die entlassenen Mitarbeitenden Aufmerksamkeit und Zuspruch. Um die gescheiteren Geschäftsführer, Handwerksmeisterinnen, Prokuristen und Managerinnen kümmert sich dagegen kein Mensch.

Die uralte Teilung in Arbeitgeber und Arbeitnehmende wirkt in unseren Köpfen bis heute weiter. Eine Arbeitsgruppe des SEA hat sich mit dieser Frage beschäftigt und bereits mehrere Tagungen in der Akademie Rheinland organisiert. Im letzten September gab es über meine Beteiligung an einer Tagung auch hier in der Lokalpresse einen Bericht. Nie zuvor bin ich auf einen Artikel so oft angesprochen worden, vielfach von wildfremden Menschen. Gemeinsamer Tenor: Gut, dass da endlich mal jemand hinschaut! So lag es nahe, unsere Schuldnerberatung in den Pfarrkonvent einzuladen. Mit zwei Fragen:

Erstens: Wie sieht das bei uns im Kirchenkreis mit Schulden, Schuldnerinnen und Schuldnern aus?

Zweitens: Begegnen Euch Menschen, die unternehmerisch gescheitert sind und was bedeutet das für uns als Pfarrerinnen und Pfarrer in der Seelsorge?

Darüber werden wir gleich sprechen – doch zuvor möchte ich die Frage umkehren: Wie sieht es mit dem Scheitern von Pfarrerinnen und Pfarrern aus?

Eine heikle Frage, berührt sie doch das Themenfeld Erfolg und Leistung. Da stellen sich bei uns Pfarrersleuten sofort theologischen Fragen. Können wir über Erfolg und Scheitern im Pfarrdienst überhaupt sinnvoll reden, wenn das Ziel all unserer Bemühungen, nämlich Glaube, für uns unverfügbar ist?

„Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt.“ (Johannes 3,8) Oder in der BigS: „Die Geistkraft weht, wo sie will, und du hörst ihre Stimme, aber du weißt nicht woher sie kommt und wohin sie geht.“

So weit scheint alles klar.

II.

„… und du hörst sein Sausen wohl, du hörst die Stimme der Geistkraft.“ Eine Hintertür? Von den beobachteten, vielleicht auch nur vermuteten Wirkungen her denken und Erfolg und Scheitern im Pfarramt definieren?

Wir lernen gerade NKF. Da gilt es auf der linken Seite des Haushaltsbuches Ziele zu definieren. Und zwar so, dass sie erreichbar und überprüfbar sind. Doch hilft uns das wirklich weiter? Glaube zu wecken und zu schaffen kann ja kein solches Ziel sein. Und wenn eine Gemeinde als Ziel ausgibt: Den Gottesdienstbesuch um fünfundzwanzig Prozent zu steigern – dann mag dies überprüfbar sein. Aber es sagt nichts darüber aus, ob in gleichem Maße Glauben verstärkt oder geschaffen wurde. So kommen wir nicht weiter.

III.

Ich scheitere vor allem an mir selbst. Bei Erfolg und Scheitern geht es um Dinge, die mir wichtig sind. Welche Ziel will ich erreichen? Wo hänge ich mich mit Herzblut hinein und erhoffe Resonanz, Anerkennung, Wertschätzung?

Ich glaube, dass es uns Pfarrerinnen und Pfarrern leicht fällt, Scheitern zu verdecken und zu verstecken, auch vor uns selbst. Wir stehen selten in direkter Konkurrenz untereinander. Wir werden nicht nach einer wie auch immer definierten Leistung bezahlt. Wenn wir uns mit unseren „Angeboten“ auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten nicht durchsetzen, können wir schnell nach theologischen korrekten „Entschuldigungen“ greifen. Aber wie sieht es in mir aus?

Scheitere ich, wenn zum Familiengottesdienst wieder einmal nur zwei Kinder und sechzig Erwachsene kommen?

Scheitere ich, wenn Menschen sich über mich ärgern und aus der Kirche austreten?

Was ist mir wichtig, woran hängt mein Herz, wo steckt meine Leidenschaft drin – dort tut es weh, wenn ich meine Ziele nicht erreiche. Wir tun tausend Sachen als Pfarrerinnen und Pfarrer, manche gelingen, manche nicht. Aber das Gefühl, zu scheitern, empfinde ich nur bei wenigen Dingen.

Auch größere Zeiträume lassen mich nach Erfolg und Scheitern fragen.

Ich bin im Oktober 25 Jahre in meiner Kirchengemeinde – empfinde ich das in der Rückschau als eine Erfolgsstory oder als eine Geschichte des Scheiterns? An welchen Stellen ist es mir wichtig, wo schaue ich hin, was ist mir im Rückblick wichtig? Wo habe ich das Gefühl, ja, hier hattest du Erfolg, und nein, dort bist du gescheitert oder gar vor die Wand gefahren? Welche Signale empfange ich dazu aus meiner Gemeinde, wie werte ich diese?

Oder unser Superintendent – wie blickt er kurz vor dem Ruhestand auf seine Zeit in der Leitung dieses Kirchenkreises zurück? Herrscht Zufriedenheit über das Geschaffte vor oder das mulmige Gefühl, den Ansprüchen nicht gerecht geworden zu sein, den eigenen und/oder der anderer? Welche Herzensprojekte sind gelungen, welche nicht?

Wenn ich hier bei solch einer Bilanz das Gefühl habe, unter dem Strich bist du gescheitert,oder bei den Bereichen, die mir ganz besonders am Herzen lagen, dann tut das weh.

Theologisch gesehen mag dieses Empfinden noch so unsinnig sein. Auch aus systemischer Sicht, die mir sagt, so einfach lassen sich Ursache und Wirkung doch nicht bestimmen. Doch ich bin als Pfarrerin, als Pfarrer auch Mensch und von daher nehme ich Scheitern persönlich.

Ich setze mich in Strukturdiskussionen für den Erhalt eines bestimmten Arbeitsbereiches ein – und dann bestimmt eine Synode mehrheitlich, diesen nicht weiter zu führen. Gescheitert, alles umsonst?

Ich ackere allein oder mit anderen daran, ein Lieblingsprojekt auf die Beine zu stellen – und dann macht die Nachbargemeinde etwas Ähnliches und mein, unser Projekt scheitert. Alles umsonst?

Ich stecke viel Kraft und Zeit in den Aufbau von veränderten Strukturen oder Einrichtungen ein, das Ergebnis kann sich am Ende sehen lassen – und dann muss ich mit ansehen, wie sich in der Praxis die Struktur nicht bewährt. Alles umsonst?

Scheitern tut weh, auch im Pfarramt. Wo gehen wir hin mit unserem Schmerz, den Schuldgefühlen, der Verzweiflung?

Theologisch gesehen ist Scheitern „einfach“, menschlich schwierig. Weil ich permanent am Bewerten, Vergleichen, Urteilen bin. Und mich schnell in Frage stelle, wenn ein Projekt mit Herzblut scheitert. Dabei muss ich daran gar nicht schuld sein. Nicht nur die Mitgliederbefragung weist immer wieder darauf hin, dass es an vielen Stellen gesellschaftliche Trends gibt, gegen die einzelne Gemeinde oder gar einzelne Pfarrersleute kaum ankommen.

IV.

Und hier ist die Brücke zu vielen, die unternehmerisch scheitern. Natürlich gibt es Fehleinschätzungen, Fehlentscheidungen. Aber viele Unternehmen, viele Unternehmungen scheitern aus Gründen, die nicht in der Person der Unternehmerin liegen. Oft ist es ein Mischmasch aus persönlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Allerdings neigen wir in Deutschland – im Unterschied zu anderen Kulturen und Nationen – dazu, im Fall des Scheiterns vor allem uns selbst die Schuld zu geben. Und wer unter uns scheitert, erlebt ganz oft, dass er von seiner Umgebung so behandelt wird, manchmal wie ein Aussätziger. Das scheint, so sagen mir Fachmenschen, ein typisch deutsches Phänomen zu sein. Ich frage mich, ob unsere fünfhundertjährige Tradition im Umgang mit Schuld und Vergebung in der Nachfolge Martin Luthers mit dazu geführt hat, dass wir Deutsche Scheitern so schnell persönlich nehmen. Sollte diese Vermutung zutreffen, dann wäre zu fragen, was wir hier von anderen Kulturen und Ländern lernen können um Umgang mit Erfolg, Leistung, Scheitern und Versagen. Auch als Pfarrerinnen und Pfarrer.

V.

Scheitern ist ein Thema, über das nicht gerne gesprochen wird. Für den amerikanischen Soziologen Richard Sennet ist es gar das „große moderne Tabu“. Umgekehrt meint der katholische Theologe Herbert Frohnhofen, dass die Erfahrung des Scheiterns eines der Grundthemen, „wenn nicht gar das Grundthema der Bibel und damit jüdisch-christlicher Lebensdeutung (ist). Dabei wird das Scheitern des Lebens bzw. im Leben beileibe nicht als Ausnahme, sondern (…) faktisch eher als Normalfall wahrgenommen und gedeutet.“

Gründe genug, sich damit zu befassen, jede und jeder ganz individuell und auch gemeinsam. Letzteres wollen wir heute Vormittag tun.

Amen.

 

Literatur:

- Herbert Frohnhofen: Scheitern als Herausforderung. Thesen zur Lebensdeutung aus philosophischer und jüdisch-christlicher Sicht
( http://www.theologie-beitraege.de/scheitern.pdf )

- Susanne Zehetbaur: Scheitern.
( http://engagiert.de/no_cache/engagiert-archiv/2012-11-single/article/scheitern.html )

- „Wenn Angst die Seele frisst …“ Das Risiko beruflichen Scheiterns als Herausforderung für Einzelne und für die Unternehmenskultur. Tagung der Evangelischen Akademie Rheinland, Bonn, 27. – 28.9.2013. epd-Dokumentation 8/2014. Darin u.a.:

- Matthias Jung: Scheitern. Mitleiden. Klagen.
(Ursprünglich veröffentlicht unter:
http://blogmatthiasjung.wordpress.com/2012/11/21/scheitern-mitleiden-klagen/ )

Traube und Riesen (Numeri 13/14)

Predigtreihe: Wüstenwanderung (II)

Israel hat die Wüste durchquert.
Das Schilfmeer liegt schon weit hinter ihnen.
Die Schufterei in Ägypten ist längst verblasst.
Mose und die Wolkensäule gingen voran.
Nachts gab die Feuersäule Trost und Licht.
Morgens waren sie versorgt mit Manna und Wachteln.
Und dann kam sie in Blick, die Grenze des gelobten Landes.
Das Ziel ihrer Träume.
Ein Land, in dem Milch und Honig fließen.
Dorthin will ich euch führen, hatte Gott ihnen versprochen.
Nun sind sie da.
Fast.

Mose schickt Kundschafter aus.
Ist es wahr, was Gott versprochen hat?
Fließen da Milch und Honig, hängen reife Trauben an den Hängen?
Und wer wohnt da?
Kampflos bekommen wir das Land nicht, das hat Gott nie versprochen.
Also, schaut euch um und berichtet.
Sie ziehen los und das Volk wartet.
Vierzig Tage und vierzig Nächte.

Dann kommen sie zurück.
Sehnsüchtig erwartet.
Und was sehen die Wartenden?
Alle sind sie zurück, wohlbehalten.
Und eine riesige Traube haben sie dabei, so groß wie ein Mensch.
Sie berichten:
Ja, es ist wahr, was Gott versprochen hat.
Ein Land wie ein Traum.
Früchte satt, voll und süß.
Es trieft vor Milch und Honig.
So haben wir uns das vorgestellt.
Doch nein, es ist noch viel toller als erhofft.
Freude und Jubel auf den Gesichtern der Frauen und Männer.
Begeisterung bei den Kindern, Tränen in den Augen der Alten.

Und das Volk, das da wohnt, ruft einer.
Die Kundschafter berichten:
Das Volk ist stark.
Ihre Städte sind groß, die Mauern hoch und fest.
Ihre Soldaten sehen aus wie Riesen.
Das wird kein Spaziergang.

Auf die eben noch verzückten Gesichter fällt ein Schatten.
Kaleb sieht es und sagt:
Doch, wir können sie besiegen.
Ja, wir können das Land in Besitz nehmen.
Nein, es wird kein Spaziergang.
Aber Gott führt uns nicht hierher und lässt uns vor der Schwelle sterben.
Vertrauen wir auf ihn und unsere Stärke, so wird es gelingen.

Doch es ist schon zu spät.
Die Stimmung ist umgeschlagen.
Zweifel breitet sich aus.
Und die anderen Kundschafter lassen sich davon anstecken:
Das schaffen wir nicht.
Das Land frisst, die ihn ihm wohnen.
Und die Männer dort, das sind Riesen und wir fühlten uns klein.

Angst und Verzweiflung laufen durch die Reihen.
Und sie wünschen sich zurück nach Ägypten.
In die Sklaverei.
Lieber schuften als sterben.
Was ist das für ein Gott?
Erst befreit er uns und dann lässt er uns hier über die Klinge springen?!
Hoffnung und Zuversicht sind geschwunden.
Kein Blick mehr gilt der vollen, reifen Traube.
Riesen stehen vor ihren Augen, turmhoch und schwerbewaffnet.

Wir kennen das, oder?
Ich fühle mich stark, es geht voran.
Selbstbewusst trete ich auf.
Bin ganz sicher in dem, was ich tue.
Jeder Handgriff sitzt.
Die Gedanken fließen.
Eins folgt spielend leicht dem anderen.
Nichts kann mich aufhalten.

Und dann kommt ein Wort.
Oder eine Geste.
Manchmal auch nur ein Blick.
Und ich falle in mir zusammen.
Bin mitten ins Herz getroffen.
Mein Selbstvertrauen löst sich in Luft auf.
Von einem Moment zum anderen.
Keine Kraft mehr ist in meinen Händen.
Nur noch Leere im Kopf.
Meine Knie zittern.
Aus Selbstbewusstsein wird ein Häufchen Elend.
Aus unerschütterlichem Vertrauen pure Angst.
Es trifft mich mitten ins Herz.
Weckt meine tiefsten Ängste.
Angst vor Schuld, vor Versagen.
Vor Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein.
Oder was auch immer.
Verkriechen will ich mich, ins nächste Mauseloch.
Weg will ich, nur weg.
Kann sich nicht der Erdboden öffnen und mich verschlucken?

So weit verstehe ich die Geschichte gut.
Sie ist menschlich, sehr menschlich.
Aber Gott verstehe ich nicht.
Viel zu menschlich erscheint er mir.
Genervt.
Verärgert.
Nachtragend.
Das Volk muss gestraft werden.
Es darf nicht hinein ins gelobte Land,
Erst ihre Kinder.
40 Jahre müssen sie hier umherirren.
40 Jahre.
Ein Jahr für jeden Tag, den die Kundschafter unterwegs waren.
Ein Jahr für jeden Tag, den die Frauen und Männer Israels gewartet haben.
Und gehofft.
Dann gezweifelt und in Angst erstarrt.
Riesen, wer will es ihnen verdenken.
Eine harte Strafe.
Viel zu hart.
Finde ich.
Ich verstehe diesen Gott nicht.
Er lässt viele Fragen offen.
Warum?
Warum solch eine Strafe?
Warum bist du so enttäuscht, Gott?
Wo bleibt das Evangelium?

Wen Gott liebt, der züchtigt er.
Ein Satz, bei dem es mir kalt den Rücken herunterläuft.
Ein Satz aus früherer Pädagogik.
Warum fällt er mir jetzt ein?
Kinder müssen es lernen, die Folgen ihres Verhaltens zu tragen.
So lautet ein gängiger Satz häutiger Pädagogik.
Israel hat sein Vertrauen weggeworfen, warum auch immer.
Es ist menschlich, wie die Frauen und Männer empfinden und handeln.
Und Gott verfügt dennoch, dass sie die Konsequenzen tragen müssen.
Zu hart?
Wo bleibt die Vergebung, die Chance zur Umkehr?
Die Gegenrede Gottes lautet:
Eigentlich wollte ich euch mit dem Tod bestrafen.
Dankt Mose und seid froh, dass ich euch immerhin am Leben lasse!
Tragt die Folgen eures Verhaltens, es gibt keine billige Gnade.

Eine harte Geschichte, eine harte Wahrheit.
Gott, der Gott Israels, der Gott Jesu ist nicht der liebe Gott.
Sondern der liebende Gott.
Nicht ein Gott, der alle Wünsche erfüllt.
Über alles hinwegsieht.
Ja, er vergibt alles.
Aber macht nicht alles ungeschehen.
Die Folgen sind von uns zu tragen.
Von Israel damals und von uns heute.
Daher:
Eine Geschichte für die Passionszeit.
Passend.
Gott vergibt, o ja.
Aber grade stehen für  unseren Unglauben, unsere Zweifel müssen wir schon.
Israel wanderte 40 Jahre durch de Wüste.

Und dennoch:
Hart, viel zu hart erscheint mir Gott hier an der Grenze.
Einmal gezweifelt und 40 Jahre Strafe?

Ich verstehe dich nicht, Gott.
Höre meine Frage.

Amen.

Der Tanz um das Goldene Kalb (Exodus 32)

Predigtreihe: Wüstenwanderung (I)

Es gibt Erzählungen in der Bibel, die berühren.
Die Wüstenwanderung Israels ist so eine Geschichte.

Der Auszug aus der Sklaverei in Ägypten.
Das Versprechen Gottes, die Befreiten in ein Land zu führen, in dem Milch und Honig fließt.
Der Zug durchs Schilfsmeer.
Die Rettung vor den heranstürmenden Soldaten des Pharaos.
Die anschließende Wanderung durch die Wüste zum Berg Gottes.
Wolkensäule und Feuersäule.
Hunger und Durst in der Einöde und das folgende Geschenk von Manna und Wachteln.
Die zehn Gebote und der Tanz ums Goldene Kalb.
Das Murren des Volkes und ein müder Mose.
Die Kundschafter, die an der Grenze ausgesandt werden.
Und mit Nachrichten zurückkommen, die Angst und Schrecken statt Zuversicht verbreiten.
Und Gott verfügt:
Vierzig Jahre müsst ihr durch die Wüste ziehen.
Bis diese mutlose Generation verstorben ist.
Erst eure Kinder dürfen ins gelobte Land.
Am Ende die Stabübergabe von Mose an Josua, der schließlich den Jordan überschreitet.
Der Tod des Mose, kurz nachdem er vom Berg Nebo zumindest einen Blick in das gelobte Land werfen darf.

Eine Geschichte wie ein Roman.
Es geht hin und her, hoch und runter.

Da steckt so viel Erfahrung drin.
Erlösung und Untergang.
Leid und Entbehrung.
Jubel und Tanz.
Vertrauen und Zweifel.
Erfolg und Scheitern.

Viele Menschen erleben Zeiten wie in einer Wüste.
Abgeschnitten vom normalen, früheren Leben.
Ausgetrocknet, hilflos Sand und Sonne ausgesetzt.
Nichts geht mehr.
Was war, ist unerreichbar und was kommt, ist noch nicht sichtbar.

Menschen, die schon einmal in der Sahara waren, sprechen anders.
Sie schwärmen von Weite und Klarheit.
Vom prachtvollen Sternenzelt.
Von Erfahrungen, die sie an andren Orten nicht machen konnten.

Die Wüste.
Eine aufregende, anregende Landschaft.
Eine gefährliche, tödliche Gegend.
Ausnahmezustand menschlichen Lebens.
So oder so.

Aus der Vielzahl habe ich drei Geschichten für diese Predigtreihe ausgewählt.
Den Tod des Mose.
Die Geschichte von den Kundschaftern.
Und für heute den Tanz ums Goldene Kalb.

(Exodus 32,1-7)

Und anschließend wird weiter erzählt:
Gott will das Volk aus Zorn vernichten.
Mose bittet um Verschonung, Gott gibt nach.
Mose steigt hinab, zerbricht die Tafeln mit den Geboten.
Zerstört das goldene Kalb, steigt noch einmal hinauf und erhält die Tafeln aufs Neue.

Wie höre ich diese Geschichte?
Sage ich:
Das ist eine Geschichte aus vergangener Zeit.
Eine Erfahrung des Volkes Israel, weit weg von mir.
Gottesbilder aus Gold, Leben in der Wüste, ein murrendes Volk, all das klingt wie gutes Kino oder ein spannendes Buch.

Aber ein Film, der gut ist und ein Buch, das spannend ist, die berühren mich.
Sonst schalte ich gelangweilt um oder greife nach einem anderen Buch.
Ich frage mich also:
Wo klingt etwas an, das mir vertraut ist?
Wo sage ich:
Ja, das kenne ich auch?

Ich male mir aus, ich wäre dabei.
Damals, in der Wüste, am Fuß des Bergs.
Welche Bilder tauchen vor mir auf?
Welche Gefühle kommen in mir hoch?

Ich bin gestresst, entnervt, verunsichert.
Mit uns anderen zusammen habe ich Ägypten verlassen.
Bei Nacht und Nebel.
Ich bin mit durch das Schilfsmeer gezogen.
Habe noch die Schreie der ertrinkenden Soldaten im Ohr.
Höre wieder die Trommeln und Trompeten.
Erinnere mich an Jubelgesang und Tanz.

Und dann die Wüste.
Staub.
Steine.
Hitze.
Kälte.
Aber vorne geht einer voraus und hat Kontakt zu Gott.
Und der hat gesagt:
Ich führe euch in ein tolles Land.
Grüne Wiesen, klare Bäche, Essen und Trinken satt.
Nichts von alledem ist hier in der Einöde.
Tag für Tag das gleiche Essen.
Tag für Tag der gleiche Ablauf.

Aber es ging immer weiter.
Mose vorneweg.
Bis hierher an diesen Berg.
Mose ist hinauf, und wir warten hier unten.
Und jetzt kommt er einfach nicht wieder.
Kommt er überhaupt noch mal wieder?
Ist er abgestürzt, liegt tot in einer Felsspalte?

Was sollen wir tun?
Wie geht es weiter?
Angst.
Unsicherheit.
Zweifel.
Sorge.
Hilflosigkeit.
Und warten, einfach nur warten.
Das ist vielleicht das schlimmste, das Warten.
Untätig herumsitzen und Warten.

Warten ist schlimm.
Nichts tun können ist schlimm.
Warten und nichts tun können ist furchtbar schlimm.

Da greifen wir nach jedem Strohhalm, tun – irgendetwas.
Hauptsache, irgendetwas.
Eine läuft ruhelos auf und ab, ist mürrisch und gereizt.
Der andere räumt den Keller auf oder macht blöde Witze.
Und ich schaue auf die Uhr, immer wieder.
Wann endlich … ?

Warten und nicht wissen, wie es weitergeht.
Schrecklich.
Ich sehne den Anruf herbei.
Die Ärztin, die mich hereinbittet.
Den Schlüssel, der sich in der Tür dreht.
Dass Mose vom Berg herunterkommt.

Die Menschen damals in der Wüste hielten es einfach nicht mehr aus.
Sie sehnten Gott herbei, der ihnen wieder vorangeht.
Und Mose.
Sie wollten wieder etwas vor Augen haben, dass Hoffnung und Kraft gibt.
Sie „opfern“ ihren Schmuck.
Gold, schon immer ein Sinnbild für etwas Besonderes.
Das Gold haben sie gerettet aus Ägypten.
Ihr Besitz, ihr Reichtum, an dem sie hängen.
Den geben sie ab.
Denn sie wollen beten.
Aber nicht das Goldene Kalb anbeten.
An Stelle des Gottes, der sie aus Ägypten befreite.
Sondern das Bild soll Mose als Mittler und Wolkensäule und Feuerschein ersetzen:
„Das ist deine Gottheit, die dich aus Ägypten geführt hat!“
Kein Wort vom Abfall von Gott.
Nur etwas leichter wollen sie es sich machen.
Falls Mose nicht wieder kommt und sie alleine weiter müssen.
Und die ganze Anspannung löst sich in einem rauschenden Fest.
In ausgelassenem Treiben.
Wie das nun mal so ist, wenn wir uns in Stimmung bringen.

Kann man es ihnen verdenken?
Ich finde mich gut wieder in den Gefühlen der Frauen und Männer.

Und doch ist Gott erzürnt, sagt der Fortgang der Erzählung.
Was ist so gefährlich in dem Wunsch, der eigenen Hoffnung einen bildhaften Ausdruck zu geben?
Israel sagt doch hier am Fuß des Bergs:
„Das da ist Gott, der dich aus Ägypten führte!“
Sie hielten doch nur das Warten nicht mehr aus, die Ungewissheit.
Was ist so gefährlich am Goldenen Kalb?

Martin Luther sagte einmal:
Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.
Woran du dein Herz hängst – worauf vertraust du?
Auf Geld, Macht, Können, Schönheit?
Das hat Luther gut auf den Punkt gebracht:
Woran du dein Herz hängst, worauf deine Hoffnung setzt –
Das ist dein Gott.

Die Gefahr ist, dass ich Dinge mit Gott verwechsle.
Dinge, die kann ich sehen, anfassen, einsetzen.
Gott kann ich nicht sehen, nur spüren und er kommt auf mich zu.
Das Goldene Kalb ist gefährlich, weil auch ich schnell Dinge mit Gott verwechsle.
Und den Weg.
Das Goldene Kalb sucht Gott auf die Erde zu zwingen.
Als das Warten unerträglich wird.
Und die erzwungene Untätigkeit.
Verständlich, und doch ein Irrweg.

Woran du dein Herz hängst.
Worauf du dein Vertrauen setzt.
Was dir Kraft gibt und Mut macht.
Und Hoffnung.

Geld und Gold?
Macht und Schönheit?
Familie und Freunde?
Erfolg und Verehrung?

Oder Gott.
Unverfügbar, aber nah.
Unsichtbar, aber spürbar.
Nicht in den Griff zu bekommen, aber ergreifend.
Nicht berechenbar, aber eindeutig.
Nicht der „liebe Gott“, aber der liebende Gott.

Die Erzählung vom Goldenen Kalb:
Eine Geschichte von Glaube und Zweifel.
Von Hoffen und Bangen.
Eine sehr menschliche Geschichte.
Amen.

Leben als Fragment zwischen Wollen und Können.

Theologische Reflexion von Gedanken von Frithjof Bergmann, Odo Marquard und Henning Luther

0. Vorbemerkung

An diesem Text habe ich lange geschrieben und noch viel länger darüber nachgedacht. Die Anfänge und ersten Versuche liegen mehr als ein Jahr zurück. Immer wieder habe ich den Text in der Schublade liegen gelassen, manchmal wochen- und monatelang, weil ich spürte, ich komme nicht weiter. Jetzt ist die Zeit reif und der Gedankengang – für mich – rund. Dazu beigetragen hat auch meine Frau Christine, die verschiedene Stadien der Entwicklung kritisch begleitet hat und an etlichen Stellen eigene Sichtweisen eingebracht. Der Text ist dennoch keine Co-Produktion, weil sie einige Aspekte auch anders sieht oder gewichtet.

1. „Wirklich, wirklich wollen“ und nicht können

Wir leben in einer Zeit unermesslichen Individualismus, in der wir selber unseres Glückes Schmied sind und wenn wir es nicht geschmiedet bekommen, selber schuld sind. Unzählige Ratgeber und Coachingangebote pflastern einen Markt, der uns vorgaukelt: Wenn du dich nur genug anstrengst, dann kannst du alles erreichen. Die Rolle von Grenzen und Schicksalsschlägen wird kaum reflektiert. Werde ich aber mit ihnen konfrontiert, zieht es mir den Schleier weg und gibt meinen Blick frei auf ein Leben, das von anderen Dingen geprägt ist, als wir im Wahn des „Ich-kann-alles-schaffen“ glauben.

Seit Jahren beschäftigt mich dies im Blick auf die Grundthese des Philosophen Frithjof Bergmann. Er sagt: Der Mensch ist dann glücklich, wenn er eine „Arbeit“ hat, die er „wirklich, wirklich will“. Ich fand und finde diese These faszinierend und habe bei mir und anderen die Erfahrung gemacht, dass dieser Gedanke der Übereinstimmung zwischen Person und Tätigkeit spontan einleuchtet. Was aber, wenn Wollen und Können einfach nicht zueinanderfinden? Trotz allem Coaching, Selbstversuchen, Bemühungen?

Um allein auf dem Erwerbsarbeitsmarkt zu bleiben: Unzählige Menschen hängen in freudlosen Arbeitsverhältnissen fest, die sie liebend gerne verlassen möchten, aber nicht können, weil sie auch morgen ihre Brötchen bezahlen müssen. Umgekehrt nützt es wenig, wenn ich weiß, was ich wirklich, wirklich will – und dafür keine Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt vorhanden ist.

Was tun, wenn ich weiß, was ich wirklich will und es einfach nicht möglich ist? Auf diese Frage gibt Bergmann keine recht Antwort und nährt so ungewollt das Gefühl: Wenn du es schaffen willst, dann schaffst du es auch und wenn nicht, dann bist du selber schuld. Oder hast dich geirrt, wusstest doch (noch) nicht, was du wirklich, wirklich willst. Ich frage mich: Zerbricht in diesem Moment nicht nur ein Traum, sondern auch die Identität? Und was „rate“ ich Menschen, die in solchen Verhältnissen festhängen? Wie ist das mit den Umständen, in denen ich leben muss, mit den Grenzen, die sich mir in den Weg stellen, mit den Visionen, in denen ich feststecke, weil sich kein Weg der Realisierung öffnet?

2. „Besonderheitsidentität“ und die Kohärenz des Selbst

Vor Jahren tauchte am Rand einer Hausarbeit die Frage auf, wie in der Pädagogik mit Leid umgegangen wird und wie sich Schicksalsschläge, Krankheiten, Beeinträchtigungen auf die Identitätsbildung auswirken. Landläufig sind wir geneigt, „nur“ die schönen Dinge und Erfahrungen, unsere Talente und Stärken heranzuziehen und auszubilden und Leid als Unfall zu betrachten, das unsere Identität schädigen und belasten kann. Leid gehört natürlich zum Leben, gilt aber als etwas zu Überwindendes. Angesichts der übergroßen Menge an Leid in unserer Welt stellt mich diese Perspektive nicht zufrieden. Allein die Frage, wer hier überwindet oder überwinden soll, kann und muss, führt nicht selten zu Überforderung und Verzweiflung, denn die Grenzen meiner Möglichkeiten sind schnell erreicht. Hier stieß ich auf eine Überlegung von Odo Marquard, der im Anschluss an Hermann Lübbe von Besonderheitsidentität spricht.

Die „Besonderheitsidentität“ zeichnet den einzelnen Menschen als individuell und einzigartig aus. Sie ist einerseits vorgegeben durch seine natürliche Verfasstheit: Geburtsdatum, Geburtsort, Größe, Augenfarbe, Geschlecht, Herkunft, Anlage, Begabung und Kultur. Andererseits ist sie aber auch etwas, das aufgrund der gesellschaftlichen Gegebenheiten im Lauf der eigenen Lebensgeschichte hinzuerworben wird. Die Besonderheiten prägen meine mitgebrachte Eigenart dezidiert aus, verfeinern und verdichten sie in ureigenen Gewohnheiten. (Nach: Dickopp, Systematische Pädagogik II. Studienbrief 3004 der Fernuniversität Hagen, S. 180)

Odo Marquard geht hier im Anschluss an Lübbe noch einen Schritt weiter:

„Die Individuen erwerben (Identität) sozusagen durch die Schicksalsschläge, durch die sie getroffen werden (…) und die sie ertragen müssen“ (Marquard zitiert bei Dickopp S. 180).

Für Marquard sind es die Schicksalsschläge, die unsere Identität, unsere Unverwechselbarkeit mindestens ebenso prägen wie die positiven Erfahrungen. Leid wird dadurch nicht „entschuldigt“ und gilt durchaus als etwas, dessen Überwindung nach Möglichkeit anzustreben ist, aber Marquard nimmt Leid anders in den Blick, sucht es in meine Identität zu integrieren, weil er die Erfahrung ernst nimmt, dass mir Dinge widerfahren können, die ich ertragen muss.
Diesen Gedanken fasst Wilhelm Schmid noch schärfer:

„Es gibt Wunden, die nicht zu heilen sind, und deren Heilung für das Selbst auch nicht von Interesse ist; die fällige Neukonstituierung seiner Kohärenz besteht dann nicht mehr in der Wiederherstellung eines früheren, heilen Zustandes, sondern in der Eingliederung der Wunde in das Selbst: Die Wunde selbst gehört nun zur Kohärenz“ (Schmid, Schönes Leben, S. 54).

Der Gedanke, dass es die Wunden, die leidvollen Widerfahrnisse sind, die mein Leben „besonders“ machen, nimmt zum einen auf und ernst, dass mein Ich nicht nur bedauerlicherweise an Grenzen stößt, sondern das diese Begrenzungen auch sinn-, ja „heil“-voll sein können. Zum anderen wird so deutlich, dass sich unser Leben in einem Beziehungsgeflecht (Hannah Arendt) bewegt und eine rein individualistische Betrachtung in die Irre führt. Die Aussage: Jede/r ist seines/ihres Glückes Schmied vernachlässigt diese Beziehungen und Bezogenheiten allen menschlichen Lebens.
Was mir an Schmids, Lübbes und Marquartds Überlegungen Definitionsversuchen gut gefällt, ist ihre Anschlussfähigkeit. Sie gehen von allgemeinen menschlichen Erfahrungen aus, die sie dann existentiell öffnen, interpretieren und erweitern und sprechen in unterschiedlicher Weise von einer „gebrochenen“ Identität. Hier kann ich mich theologisch anschließen.

Als Theologe gehe ich davon aus, dass Glaube ein Vertrauen ist, welches sich auf Gott richtet. Dieses Vertrauen oder Sich-Verlassen eines Menschen auf Gott hat grundle­genden Charakter, solcher Glaube gibt den „Grundakkord des Lebens“ an. Das, was mich in der Tiefe meiner Existenz prägt, wovon ich mich bestimmen lasse, das ist mein „Glaube“. „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, so Martin Luther im Kleinen Katechismus. Zugleich weiß dieser Glaube um die Gebrochenheit unserer menschlichen Existenz. Wilfried Härle spricht im Zusammenhang dieser Gebrochenheit vom angefochtenen Glauben:

„Oftmals erscheint Gott den Glaubenden als ein in sich zerrissener, widersprüchlicher, unzuverlässiger Gott, der ihr Vertrauen auf eine harte Probe stellt. (…) Weil der Glaube auf Gott, wie er sich in der Welt erschließt, ausgerichtet ist, darum ist er angefochtener Glaube“ (Härle, Dogmatik, S. 63).

So werden die Umrisse eines Bildes vom Leben sichtbar, dass anders aussieht als die in die Irre führende Vorstellung des Glücks, dass jede/r selber schmiedet.

3. Leben als Fragment

Die Umrisse dieser Vorstellung vom Leben reichen aber nicht aus, erkenntnis- und handlungsleitend wirken zu können. Ich frage weiter: Welches Bild vom Leben, vom Menschen, von der Welt hilft mir, das Leben realistisch zwischen Wollen und Können angemessen in den Blick zu nehmen? Welches Bild vom Leben könnte geeignet sein, hier das Ganze meiner Welt so abzubilden, dass die Widersprüchlichkeiten und Wunden, meine Gewohnheiten als auch meine Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte hilfreich und realistisch zugleich vor Augen stehen?

Vor einiger Zeit stieß ich auf Henning Luther und seinen Vorschlag, menschliches Leben im Bild des Fragments zu beschreiben:

„Wir sind immer (…) Fragmente zerbrochener Hoffnungen, verronnener Lebenswünsche, verworfener Möglichkeiten, vertaner und verspielter Chancen. Wir sind Ruinen aufgrund unseres Versagens und unserer Schuld ebenso wie aufgrund zugefügter Verletzungen und erlittener und widerfahrener Verluste und Niederlagen. Dies ist der Schmerz des Fragments.
Andererseits ist jede erreichte Stufe unserer Ich-Entwicklung immer nur ein Fragment aus Zukunft. Das Fragment trägt den Keim der Zeit in sich. Sein Wesen ist Sehnsucht. Es ist auf Zukunft aus. In ihm herrscht Mangel, das Fehlen der ihn vollendenden Gestaltung. Die Differenz, die das Fragment von seiner möglichen Vollendung trennt, wirkt nun nicht nur negativ, sondern verweist positiv nach vorn. Aus ihm geht eine Bewegung hervor, die den Zustand als Fragment zu überschreiten sucht“ (Luther: Identität und Fragment, S. 168ff. In: ders.: Religion im Alltag. Bausteine zu einer praktischen Theologie des Subjekts, S. 160-182).

Es gilt zunächst darauf hinzuweisen, dass das Bild des Fragments sehr verschiedenartige Assoziationen wecken kann. Es geht Luther nicht darum, das Leben als einen Haufen von Bruchstücken zu beschreiben, die mehr oder weniger ungeordnet und unsortiert nebeneinander liegen. Gemeint ist eher, dass meine Identität nie fertig wird, immer eine Baustelle darstellt und somit fragmentarisch ist und bleibt.

Die Vorstellung vom Leben als Fragment nimmt die Spannung zwischen dem „schon jetzt“ und „noch nicht“ auf, die Jesu Predigt vom Reich Gottes prägt. In dieser Spannung zwischen Schmerz und Sehnsucht wird der Zwiespalt zwischen Wollen und Können grundsätzlich beschreibbar. Er lässt sich im Glauben aushalten und wird so zum Antrieb im eigenen Leben. Das Bild nimmt auf, dass unser Leben in seinen Beziehungs- und Bezogenheitsgeflechten nie fertig wird, und jedes auf „Vollkommenheit“ zielende Bild in die Irre führt. So entlastet die Vorstellung vom Leben als Fragment davon, „alles“ schaffen zu müssen und zu können. Grenzen, Scheitern, Einschränkungen können in das Bild integriert werden, die Besonderheiten und Wunden, die das Leben schlägt.

4. Staunen zwischen Jubel und Klage

Es leuchtet vielleicht schnell ein, dass es die Besonderheiten sind, die mich prägen, die Schicksalsschläge und Widerstände. Mein Leben ist nicht „vollkommen“, sondern ist und bleibt fragmentarisch, vollzieht sich zwischen Schmerz und Sehnsucht, zwischen Resignation und Hoffnung, zwischen dem „schon jetzt“ und dem „noch nicht“ und ist genau in dieser Hinsicht einzigartig und unverwechselbar. Schmerz und Sehnsucht gilt es in eine Beziehung zu bringen und in einer Balance zu halten. Hier finde ich das (Leit-) Bild des Fragments einleuchtend und hilfreich. Aber was „muss“ ich hinnehmen und ertragen, was kann ich trotz allem gestalten und überwinden? Wie lautet das Kriterium, wie sieht eine Methode zur Unterscheidung aus?

Zunächst eine Vorbemerkung:
Es geht nicht darum, in einer „demütigen“ Haltung das Leid, das Unabänderliche „einfach“ hinzunehmen. Es gilt nicht, immer „den unteren Weg“ zu gehen, wie Menschen aus der älteren Generation es vielfach gelernt haben, vor allem Frauen. Ebenso wenig gilt es, vorschnell zum Wort des Paulus zu nicken: „Alle Dinge müssen dem zum Besten diesen, der glaubt“ (Brief an die Gemeinde in Rom, 8,28). Auch hier besteht die Gefahr, die Dinge anzunehmen, wie sie sind und das Unvermögen, dies akzeptieren zu können, kritiklos als Ausdruck von Sünde und Unglauben abzuqualifizieren.

Was aber ist wirklich unabänderlich und was nicht? Diese Frage klingt auch in dem weithin bekannten Gelassenheitsgebet an:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Dieses Gebet richtet meinen Blick zunächst von mir weg hin auf eine größere „Macht“, und von dort wendet sich der Blick wieder zurück. Die Bitte um Gelassenheit, Mut und Weisheit macht mich zuallererst zu einem empfangenden und dann erst zu einem gestaltenden Menschen. Indes, die Frage bleibt: Wie lautet das Kriterium für die Weisheit, die dann zur je rechten Stelle zur Gelassenheit und zum Mut führt?

Meine These lautet: Das Leben als Fragment zu sehen, anzunehmen und zu gestalten führt in der Spannung zwischen „schon jetzt“ und „noch nicht“ zum Staunen und von dort aus zu Jubel und Klage und ist nur aus beiden heraus gestaltbar.

Staunen ist der Beginn des Glaubens, hat Dorothee Sölle einst gesagt. Staunen führt mich über mich heraus, lässt mich dankbar werden und äußert sich in Jubel und Lob. In der Alltagssprache verstehen wir unter Staunen einen Vorgang, der mir den Mund offen stehen lässt. Auslöser können alle möglichen Ereignisse sein. Im Sinne Sölles ist Staunen aber noch mehr, es ist ein bewusstes Hineingehen in diese Situation, in der mir der Mund offen steht. Ich bin fassungslos, kann den Moment nicht fassen. In solchem Staunen machen viele Menschen die Erfahrung, berührt zu werden von einer größeren „Macht“, die mich überwältigt und übersteigt. Von solchem Staunen und sich anschließendem Jubel sind die biblischen Schriften voll, Paul Gerhard und andere haben hier wundervolle Lieder gedichtet. Aber die biblischen Schriften wie auch unser Gesangbuch ist genauso voll mit Klageliedern.

Ich möchte vorschlagen, die Klage ebenfalls als Folge des Staunens zu verstehen, nun aber in der Form des staunenden Entsetzen. Ist es im staunenden Jubel die wunderbare Schönheit und Größe, die mich überwältigt, so im Entsetzen die schier unerträgliche Größe des Leides, die bodenlose Verzweiflung, die mich gefangen nimmt, die permanente Grenze, an die ich stoße. Die Klage ist ein ähnlicher Vorgang wie das Staunen über die Schönheit und führt zum „Glauben“, nun aber nicht im vertrauensvollen Sich-bestimmen lassen durch Gott, sondern im auflehnenden Widerspruch gegen unmenschliche Lebensverhältnisse. Die unendlich oft gestellte Frage nach dem „Warum“ ist häufig eine Frage, die sich zugleich an Gott richtet: „Gott, warum lässt du es zu?“ In diesem fragenden Warum? Kann sich so eine Beziehung zu Gott eröffnen. Eine angefochtene, gebrochene, verzweifelte Beziehung, weil Gott hier widersprüchlich, hilflos, ohnmächtig erlebt wird, abwesend und stumm.

In vielen Kulturen hat die Klage einen anderen Stellenwert als bei uns. Klagen klingt in unserem Sprachgebrauch jämmerlich und schwach. Wer klagt, ist ein Jammerlappen. Wie oft höre ich in Beerdigungsgesprächen: Er/Sie hat nie geklagt. Trauer ist erlaubt und wird als notwendig angesehen, nach dem Eintreten des Verlustes, eine Zeitlang. Klagen dagegen gehört sich nicht. Vielleicht gilt es für uns, die Sprachform der Klage wieder zu entdecken. Jochen Schmidt, dem ich in diesem Abschnitt manches verdanke, unterscheidet zwischen Schrei, Weinen und Klage. Der Schrei ist unmittelbarer Ausdruck meines Erschreckens, im Weinen „lasse“ ich meinen Tränen freien Lauf, die Klage aber ist mehr (vgl. Schmidt, Klage, S. 115ff. und 138ff.)

Die Klage ist nach Schmidt ein Ausdrucksgeschehen. Ich bringe zur Sprache, was mich belastet, und damit verändert sich meine Situation. Indem ich ausdrücke, was in mir ist, eröffnet sich eine Distanz zwischen mir und dem Beklagten. Ich befinde mich in eigentümlicher Weise „dazwischen“. Die Sprachformen der Klage können verschieden sein: Protest, Anklage, Ohnmacht, Trauer, Empörung, Selbstanklage. In der Klage „handle“ ich, während ich im Schrei ohnmächtig und im Weinen hilflos bin (wobei dies keine Abwertung von Schrei und Weinen beinhaltet, diese Formen der Reaktion auf Leid, Gewalt und Böses haben ebenso ihre Berechtigung). Die Klage aber macht mich (wieder) handlungsfähig, zunächst und zuallererst im Vorgang des bewussten Klagens.

In unseren Gottesdiensten spielt die Klage eine untergeordnete Rolle. Im Evangelischen Gesangbuch wird sie zwar genannt, aber in den Texten stehen Sündenbekenntnisse im Vordergrund. Es gibt Hinweise auf Beicht- und Bußgottesdienste, aber nicht auf Klagegottesdienste. Die Frage und Suche nach eigener Schuld und Verantwortung darf aber nicht von der Frage nach dem Eingebundensein in hindernde, zerstörende Verhältnisse ablenken. Nach meinem eigenen Empfinden und Beobachten in Gottesdiensten wird die Klage häufig nur mitgedacht, aber selten explizit benannt und ausgedrückt. So kenne ich Friedensgottesdienste, Friedensgebete aus Anlass von furchtbaren Ereignissen, in denen die Klage sich in der Bitte um den Frieden ausspricht. Das ist nicht falsch, aber ich frage mich – durchaus selbstkritisch –, ob und welche Konsequenzen es für Empfinden, Denken und Handeln hätte, wenn der Klage mehr Raum und Ausdruck gegeben wird.

Die Wiedergewinnung „rechter“ Klage könnte ein Weg zu sein, um allein und gemeinsam mit anderen zwischen dem wirklich Wollen und dem wirklich Können einen Weg durch mein/unser Lebensfragment zu finden, weil das Leitbild des Fragments Erfolg und Scheitern, Staunen und Entsetzen, Jubeln und Trauer, Klage und Lobpreis in sich trägt. Dennoch bleibt die Frage nach einem konkreten Vorgehen, nach einer „Methode“, Jubel und Klage miteinander so ins Gespräch zu bringen, dass sich die Weisheit einstellt, die das Gelassenheitsgebet meint.

5. Versonnenheit als Weg zur Weisheit

Vor zwei Jahren habe ich mich schon einmal intensiv mit dem Begriff der Versonnenheit (musement)auseinandergesetzt. Er geht zurück auf ein Zitat von Charles Peirce:

“Enter your skiff of musement, push off into the lake of thought, and leave the breath of heaven to swell your sail. With your eyes open, awake to what is about or within you, and open conversation with yourself: for such is all meditation!” (Peirce, The Collected Papers, Bd. 6, S. 461)
„Besteig das Boot der Versonnenheit, stoß dich ab in den See der Gedanken und laß den Atem des Himmels deine Segel füllen. Mit offenen Augen werde dir bewusst über das, um was es geht oder in dir ist und beginne das Gespräch mit dir – dafür gibt es alle Meditation!“ (Freie Übersetzung)

Versonnenheit beginnt mit der Bereitschaft, meine bisherigen Erfahrungen zurückzulassen, mich dem offenen Meer anzuvertrauen und auf die Eindrücke zu achten, die dort auf mich warten. Versonnenheit ist ein absichtslos-absichtsvolles Hin- und Herwandern der Gefühle und Gedanken. Oft wird sie ausgelöst durch das Glücksgefühl angesichts der Farbenpracht eines Sonnenuntergangs oder beim Anblick eines neugeborenen Baby, das gerade den ersten Schrei in diese Welt hinein entlässt. Ich kann mich aber auch bewusst entscheiden, vom Hier und Jetzt auszugehen und erwartungsvoll darauf zu achten, wohin mich das Gespräch mit mir führt (vgl. Jung, Versonnenheit, S. 9ff.). Versonnenheit ist somit ein Bild für einen Vorgang, der alltäglich ist und sich in Sätzen wie: „Ich bewege es in meinem Herzen“ ausspricht. Versonnenheit fasst diesen Vorgang aber präziser und macht ihn anschaulicher.

Ich habe bereits darauf verwiesen, dass für Dorothee Sölle Glauben mit dem Staunen beginnt. Staunen ist ein unmittelbar ausgelöster Gefühlszustand, Versonnenheit dagegen ein bewusster Vorgang, der dem Staunen nachgeht. Wenn das Staunen nicht zur Versonnenheit führt, bleibt der beginnende Glaube nur ein flackerndes Licht.
Damals habe ich den Vorgang der Versonnenheit im Blick auf das jubelnde Staunen und die damit verbundenen positiven Gefühle wie Jubel, Freude, Verbundenheit, Erhabenheit hin durchdacht. Mir war damals bereits bewusst, dass Versonnenheit wohl auch eine Chance darstellt, mit negativen Gefühlen umzugehen.

Versonnenheit ist eine Methode des Hin- und Her, ein Geschehen, das von mir weg und wieder zu mir zurückfindet. Im fröhlichen Staunen über die Schönheit der Natur und des Menschen fällt mir das leicht, und versonnenes Staunen öffnet schnell den Weg zum vertrauensvollen Glauben an Gott. Auf der dunklen Seite des Lebens fällt dieser Vorgang unendlich viel schwerer. Aber es macht auch an den Grenzen meines Lebens Sinn, mich einzulassen, in den Abgründen und den Momenten, in denen Leid, Gewalt und Böses mir jede Stimme raubt. Die Versonnenheit beschreibt hier einen Weg, auch mit diesen Seiten des Lebens umzugehen. Das innere Gespräch mündet dann nicht in Jubel und Lob, sondern in die Klage, in der zunächst Hin und Her bewegt und dann zur Sprache gebracht wird, was belastet und begrenzt, entsetzt und zerstört. Ich bewege – allein oder gemeinsam mit anderen – das, was grauenhaft ist, die schmerzhaften Grenzen und Einschränkungen meines, unseres Lebens bewusst in meinem Herzen und fasse es in Worte.

So besteht die Chance, das Nicht-Können und die Wunden, die Besonderheiten in die Kohärenz meines Lebens einzubeziehen. Auch hier tröstet und ermutigt das Bild, dass mein Leben ein Fragment ist – und bleibt. Ich lebe in der Spannung zwischen dem „schon jetzt“ und „noch nicht“, vielleicht lässt sich diese Spannung aber auch in dem Paar: „noch jetzt“ und „schon bald“ beschreiben.

Im versonnenen Hin und Her „zeigt“ sich das (für mich) Unabänderliche und (für mich) Hinnehmbare, aber auch das (für mich) Änderbare und Gestaltbare. Klage und Jubel bieten mir/uns die Chance, die Perspektive zu wechseln und nicht am Hier und Jetzt verhaftet zu bleiben. So öffnen sich vielelicht Räume für bisher nicht gesehene Möglichkeiten. Versonnenheit ist so die Weisheit, die zur Gelassenheit führt, weil im Vertrauen auf Gott in der Klage das hingehalten wird, was ich nicht verstehe, wir nicht verstehen, in dieser Welt und an ihm. Versonnenheit ist Mut, hinzuschauen und im staunenden Jubel die schier unglaubliche Größe zu achten und sich in der Klage als Frage an Gott, ans Leben, ans Schicksal, zu richten: Warum?

6. Wollen und Können, Jubel und Klage

Ich bin ausgegangen von der Frage: Was ist, wenn ich weiß, was ich wirklich, wirklich will und ich keine Chance sehe oder habe, so zu handeln?
Wenn ich weiß, was ich will, ist das ein Grund zur Freude, ja zu Jubel und Lobpreis. Es ist oft nicht leicht, herauszufinden, was ich wirklich, wirklich will. Weil ich nie darüber nachgedacht habe. Weil ich mich nie getraut habe, danach zu fragen. Weil andere mir sagten, was ich zu tun oder zu lassen habe. Die Frage zu stellen ist wichtig und richtig und ich erlebe es immer wieder, dass Menschen befreit, erleichtert, überrascht sagen: „Das hat mich noch nie jemand gefragt!“

Aber ich stoße auch schnell an Grenzen. Ich bin nicht allein auf der Welt und was ich wirklich, wirklich will, ist eingebunden in das Beziehungsgeflecht meines/unseres Lebens. Das kann als bitter und enttäuschend erlebt werden und sich auch als Frage an Gott richten: Wenn du mir diese Begabungen oder Befähigung, die Lust und Leidenschaften zu bestimmten Dingen ins Herz gelegt hast – warum gibt es keine Chance für mich, das zu realisieren? Das Gefühl wird unterschiedlich erlebt, vielleicht auch in den Generationen verschieden. In der mittleren und älteren Generation (zu der ich gehöre) taucht es zum Beispiel auf im „Gespenst der Nutzlosigkeit“, von dem Richard Sennet vor einigen Jahren im Blick auf die Arbeitslosigkeit in den Industriestaaten schrieb (Sennet, Die Kultur des neuen Kapitalismus, S. 67ff.).

Ich glaube, dass die Klage hier hilfreich sein kann. Die Klage beklagt meine Grenzen und so kommt mein Wollen und Nicht-Können in den Blick. Klagen nimmt die Spannung von Schmerz und Sehnsucht auf und fasst sie in meiner Situation in Worte. Anders gesagt: Sie beschreibt die Spannung zwischen Schmerz und Sehnsucht und führt mir vor Augen, dass mein Leben ein Fragment ist und bleibt.

Gleichzeitig geht die Klage aber über Schreien und Weinen hinaus. Sie ist ein erster Schritt in einer als ohnmächtig erlebten Situation gestaltend handeln zu können. Auch Schreien und Weinen sind Handlungsmöglichkeiten, aber sie sind entweder spontan oder durch das Laufenlassen der Tränen geprägt. Der Versuch, in der Klage in Worte zu fassen, was ich Grenze zwischen Wollen und Können erlebe, ist ein aktiv gestaltender Umgang mit der Situation. Ich drücke aus, was in mir ist, zwischen Schmerz und Sehnsucht, Trauer und Hoffnung. Für Christinnen und Christen steht die Klage zugleich unter der Verheißung, die sich in den Klageliedern des Alten Testaments ausspricht: Die Klage kann sich verwandeln in Lob und Jubel. Die Klage erhofft das „noch nicht“ im „schon jetzt“, bei allem Schmerz und Verzweiflung über die Grenzen, die sich mir/uns in den Weg stellen – auf dem Weg, das zu tun, was ich/wir wirklich, wirklich will/wollen.