Das „dumme“ Schaf gewinnt. Predigt an Ostern

Liebe Gemeinde,

zwischen Heilig Abend und Ostern vollzieht sich das Leben Jesu.
Geburt, Flucht und Taufe.
Auftreten, Predigt und Heilungen.
Verrat, Folter und Tod am Kreuz.
Und Auferstehung.
Es gibt ein Symbol, das Weihnachten und Ostern verbindet.
Es ist:
Das Schaf.

Ich habe das hier aus der Krippe im Rönskenhof mitgebracht.

Schaf

 

 

 

 

 

 

Am Anfang und am Ende des Lebens Jesu spielt es eine Rolle.

Es ist das Schaf der Hirten auf dem Feld.
Es ist eins von den Tieren an der Krippe,
Es steht bei denen, in deren Mitte das Kind geboren wurde.
Zu ihnen kam das Kind, damit es Frieden auf Erden werde.
Für alle.
Für Mensch und Kreatur.

Mit Schafen hat es einst angefangen.
In Betlehem.
Nun soll er selbst das Schaf sein.
In Jerusalem.
Er hat sich zum Dummen gemacht, sagen die einen.
Hat sich aufgerieben, am Ende wurde er fallengelassen.
Er ist der Sündenbock, geopfert für die Sünden der Welt, sagen die anderen.
Als er gemartert wurde, tat er seinen Mund nicht auf wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird.
So hieß es Karfreitag im Predigttext aus Jesaja.
Vor dem Abendmahl  singen:
Christe, du Lamm Gottes …
Und im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, ist der Auferstandene immer wieder ein Lamm.
Es steht auf dem Berg Zion.
Hält das Lebensbuch mit unser aller Namen in Händen.
Und die Gerechten folgen dem Lamm ins ewige Leben.
Alles erkauft mit dem Opfer Jesu, dem Lamm Gottes.
So steht es geschrieben.

Und doch:
Ich kann nicht an einen Gott glauben, der Opfer braucht.
Und ich glaube auch nicht daran, dass Gott auf solch ein Opfer angewiesen ist.
Ich glaube nicht, dass ein Mensch sterben muss, damit Gott barmherzig sein kann.

Ich glaube:
Es geht auch nicht um das „Opfer“ an sich, sondern:
Das Lamm, das Schaf, ist ein Bild für die Friedfertigkeit Jesu.
Und seines Gottes.
Er „musste“ nicht sterben im Sinne einer ewigen Blutrachenmentalität.
In der Schuld nur blutig gesühnt werden kann.
Nein, das braucht Gott nicht.
Aber er und die Schrift bieten uns an, uns und unsere Welt im Bild des Schafs neu zu sehen.
Neu zu verstehen.
Neu zu deuten.
Mit einer Schafsbrille auf der Nase.
Sozusagen.

Nein, Blutopfer braucht Gott nicht.
Es wird schon genug gestorben und gelitten in der Welt.
Und dieser Tod war zu grausam und sinnlos, um ihn nachträglich  zu rechtfertigen.

Deuten, ja.
Aber nicht rechtfertigen.

Sie haben sich an Jesus ausgelassen.
Und er hat gelitten wie ein Lamm auf der Schlachtbank.
Unschuldig, klaglos.
Wie ein „dummes“ Schaf.
Völlig weltfremd, dieser Jesus.
Predigt wie die Blumenkinder Gewaltlosigkeit und Liebe und wehrt sich nicht.
Anderen hat er geholfen und sich selber nicht.
Der Träumer scheitert am Kreuz der Realität.

Doch das Schaf trägt den Sieg davon.
Es ist zum Osterlamm geworden.
Zum Symbol für den auferstanden Christus, der den Tod überwunden hat.
Ausgerechnet er.
Das Lamm wird mit der Siegesfahne dargestellt.
So ist es in manchen Kirchen auf Bildern oder Fenstern zu sehen.
Das „dumme“ Schaf gewinnt.
Das ist die Osterbotschaft.
Kaum zu glauben.
Aber wahr.

Beim Wettlauf zwischen Leben und Tod, das Lamm gewinnt.
Beim Wettlauf zwischen Gewalt und Sanftmut, das Schaf gewinnt.
Beim Wettlauf um die Zeit, die uns bleibt, die Schöpfung zu bewahren, das Lamm gewinnt.
Eine Geschichte, kaum zu glauben, so unglaublich ist sie.
Das „dumme“ Schaf gewinnt.
Lachhaft in den Augen aller, die in dieser Welt etwas zählen.

Das Schaf, immer wieder ein Schaf.
Auch die Menschen aus Israel haben einst ein Lamm gegessen.
In der Nacht, in der sie aus der Sklaverei aufbrachen.
In die Freiheit.
Das Passah-Lamm erinnert daran:
Gott befreit.
Gott ergreift Partei.
Gott begleitet die Menschen auf dem Weg in die Freiheit.

Ostern erzählt uns, dass am Ende doch nicht triumphiert, was uns niederdrückt.
Die Kraft der Auferstehung ist stärker.
Sie hilft uns, das Schwere und Bittere in unserem Leben durchzustehen.
Und zu überwinden.
Es begegnen uns so viel Frechheit, Gleichgültigkeit und Machtgerangel.
Und doch:
Es zahlt sich aus, wenn wir uns nicht davon gefangen nehmen lassen.
Nicht Gleiches mit Gleichem vergelten.
Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.
Die Siegesfahne trägt das Lamm, die Verkörperung von Sanftmut.
Und Friedfertigkeit.
Ostern macht Mut, dass es sich am Ende doch lohnt, auf Güte zu setzen.
Und auf Gerechtigkeit.
Und Gewaltlosigkeit.

Das Schaf gewinnt.
Das „dumme“, kleine Schaf.
Kaum zu glauben, aber wahr.
Das Schaf gewinnt, eigentlich ist das frech.
Nicht Panzer, die hüben und drüben auffahren.
Nicht die Drohkulissen der mächtigen Frauen und Männer.
Nicht der ewig gleiche Kreislauf von dicken Backen und Waffen.
Nein, das Schaf gewinnt.
Fast schon zum Lachen, wenn es nicht so todernst wäre.

Das „dumme“ Schaf.
Heute heißt es:
Der Phantast.
Die Pazifistin.
Der Spinner.
Die Öko-Tante.

Aber es wird sich zeigen, wer am Ende die Dummen sind.
Und wer zuletzt lacht in dieser Welt.
Wie schnell es gehen kann, haben wir doch erlebt.
Als zum Beispiel die Finanzkrise ausbrach:
Manch großes Vermögen löste sich in Luft auf.
Über Nacht.
Mächtige brachen zusammen und verarmten.
Und wer einst mit dem Köfferchen die Grenze in die Schweiz überschritt, muss erleben, dass sich heute die Gefängnistore hinter ihm schließen.
Es gibt sie, diese Geschichten von Gerechtigkeit.
Viel zu wenige in unseren Augen.
Aber es gibt sie.

Die Bibel ist sich sicher:
Am Ende wird auf dem Thron das Lamm sitzen.
Es wird die Schafe von den Böcken scheiden.
Und es wird jene zu sich rufen, die die Hungernden speisen.
Die Traurigen trösten.
Die Kranken besuchen.
Die zwischen die Panzer treten.
Und die Fremden in unserem Land aufnehmen.

Das Schaf gewinnt.
Kaum zu glauben.
Gottes Sicht der Welt.
Gottes Sicht auf die Welt.
Auf uns.
Glauben wir ihm und seinem Lamm.

Amen.
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Diese Predigt nimmt – wieder einmal – viele Gedanken von Margot Runge auf, Pfarrerin in Sangerhausen. Das Original findet sich hier:

http://www.kanzelgruss.de/index.php?seite=predigt&id=2548

Paata Demurishvili: – Jesus bleibet meine Freude

Durch Zufall stieß ich vor ein paar Tagen auf dieses Video auf Youtube.
Eine faszinierende Improvisation über das bekannte Bach-Stück.
Teils zart, weich und langsam.
Teils hart, präzise und schnell.
Lief jetzt bei mir im Hintergrund bei der Vorbereitung der Gottesdienste zu Karfreitag und Ostern.
Wunderschön!

Vor der leeren Leinwand stehen

Vor einiger Zeit las ich Otto Scharmer´s Buch „Theorie U“. Ich fand es in vielerlei Hinsicht spannend und nachdenkenswert, aber in besonderer Weise bin ich am Bild des Künstlers, der Künstlerin hängengeblieben, der/die vor der leeren Leinwand steht.

Im Nachhinein bemerkenswert, weil sich dieses Bild  sofort in meinem Kopf festhakte, ich aber erst viel später ahnte, was Scharmer mit diesem Bild sagen möchte.

„Wir können uns auf das Ding konzentrieren, das aus einem kreativen Prozess hervorgeht – sagen wir, ein Bild;
- oder wir können uns auf den Prozess des Malens konzentrieren; oder
- wir können die Künstlerin beobachten, während sie vor einer leeren Leinwand steht.
Mit anderen Worten: Wir können ihr Werk ansehen, nachdem es geschaffen worden ist (das Ding), während sie es schafft (den Prozess) oder bevor der schöpferische Prozess einsetzt (die leere Leinwand oder die Dimension der Quelle).“ (Theorie U, 32)

Scharmer überträgt dieses Bild auf Entscheidungssiutationen und stellt fest, dass die inneren Quellen, von denen aus Einzelne oder Gruppen, wenn sie wahrnehmen, kommunizieren und handeln, selten bekannt sind. (33) Für Scharmer gibt es zwei Quellen des Lernens:

„Der erste Lerntyp, Lernen aus der Vergangenheit, ist gut bekannt und breit erforscht. Er ist die Basis aller heute bedeutsamen Lernmethoden (…) und Ansätze von Organisationslernen. (…) Manchmal (aber) sind die Erfahrungen der Vergangenheit sogar eher hinderlich für die Lösung aktueller Probleme. (…) Als ich dann nach und nach feststellte, dass diejenigen Führungskräfte (…) die mich am meisten beeindruckten, von einem anderen Kernprozess aus zu arbeiten schienen, von einem Prozess aus, der uns in entstehende Zukunftsmöglichkeiten hineinzieht, fragte ich mich: Wie können wir eine zukünftige Möglichkeit, die entstehen will, besser wahrnehmen und uns mit ihr verbinden? Ich nannte diese Wirkungsweise aus der entstehenden Zukunft heraus, während diese entsteht, Presencing. (…) Presencing heißt, sein eigenstes höchstes Zukunftspotential zu erspüren, sich hineinziehen zu lassen und dann von diesem Ort aus zu handeln.“ (34f)

Presencing geschieht für mich, in dem ich vor der leeren Leinwand stehe.

Ich weiß nicht, ob Scharmer diesem Satz so zustimmen würde, aber das ist mir auch egal, weil mich dieser Gedanke seither beschäftigt:

Vor der Leinwand stehen und leer werden, das Vergangene, aber auch das Zukünftige loswerden.

Letzteres überrascht vielleicht angesichts Scharmer´s Überlegungen. Ich meine damit, dass vielfach auch die Zukunft, das zukünftige Handeln, aus der Vergangenheit bestimmt ist oder die Erwartungen, Befürchtungen im Blick nach vorn bereits festgezurrt sind, quasi determiniert. Oder auch, dass ich bereits mit meinen Gedanken irgendwo weiter vorn bin und nicht mehr im gegenwärtigen Moment anwesend. Bei all diesen Formen ist mein Denken, Entscheiden, Fühlen bestimmt durch das Nicht-Anwesendsein. Und ich beobachte mich und stellte fest, wie oft ich nicht vor der leeren Leinwand stehe (einer „offenen“ Zukunft), sondern bereits zu wissen meine, was auf das Bild drauf gehört, die Leinwand an sich gar nicht wahrnehme oder ein Abziehbild, eine Kopie aus einer vergangenen Situation verkaufen möchte, mir und anderen. Das hat mich erschreckt.

Seither versuche ich mehrfach am Tag, vor Ereignissen, Aufgaben, mir dieses Bild vor Augen zu stellen und dort hineinzufühlen. Ich mache die Erfahrung, dass es mich zentriert, mir hilft, mich auf das Hier und Jetzt, die (vor mir liegende) Situation zu konzentrieren. Ich habe keine „Methode“ oder Ritual entwickelt, das liegt mir weniger. Sondern ich versuche, immer wieder das Bild einer leeren Leinwand vor mein inneres Auge zu stellen und dann auf meine Gefühle und Gedanken zu achten.

Die (ersten) Ergebnisse waren überraschend.

Vor einigen, mit sehr viel Stress und innerer Anspannung verbundenen Momenten gelang es mir so, Ängste und Befürchtungen zu beruhigen und mich auf den Moment zu konzentrieren. Vor Gottesdiensten, auch in der Trauerhalle, versuche ich direkt vor Beginn mir dieses Bild vors Auge zu stellen und die Menschen, die vor mir sitzen, sozusagen durch die leere Leinwand hindurch wahrzunehmen. Vor der leeren Leinwand zu stehen, ist zu einer Art Gebet oder auch einem Mantra geworden.

Es entwickelten sich aber auch Situationen völlig anders als erwartet. Auch negative Gefühle nahm ich intensiver wahr als früher, oder eigene Rat- und Hilflosigkeit in bestimmten Diskussionen und Gesprächen. Hier habe ich mich noch nicht getraut, diese Impulse in die Situation zu geben, war bisher zu überrascht über mich selbst, aber ich will dran bleiben.

Das Bild der leeren Leinwand lässt mich anders auf die Zukunft zugehen, mich ihr anders öffnen. Da ich grade ein Buch über Kirche und Zukunft geschrieben habe, trafen diese Überlegungen und Bilder auf fruchtbaren, vorbereiteten Boden. Und nach Leit-Bildern zu suchen und zu fragen, ist mir darüber hinaus schon lange ein inneres Bedürfnis, weil ich eben glaube, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte (aber auch weniger!).

Wie viele andere Gedanken Scharmer´s halte ich auch das Bild des Künstlers vor der leeren Leinwand für sehr anschlussfähig. In der geistlichen Tradition der Kirche sind es die leeren Hände, mit denen ich vor Gott stehe und ihn bitte, sie mir jetzt zu füllen. Dieser Gedanke kann sicher im Sinne einer falschen Demut missverstanden werden: ich bin nichts, ich habe nichts, bin unwürdig vor allem unwürdig, in Deinem Namen, Gott zu sprechen. Ich glaube aber, dass das Bild der leeren Hände eben auch anders gefüllt werden kann. Es ist der Versuch, mich auf das Hier und Jetzt zu fokussieren, störende Einflüsse abzulegen, die mich entweder in der Vergangenheit festhalten oder bereits in die Zukunft ziehen und mich so dem Moment entführen – und damit ist alles verloren, der Zauber des Kairos ist zerstört.

Ich mache mit dem Bild von Scharmer erneut eine Erfahrung, die ich an anderen Stellen auch bereits gemacht habe: die eigene geistliche Tradition bleibt oft stumm für mich, in dem Sinn, das ich ihr zwar sachlich folgen kann, sie mein Herz aber nicht erreicht. Über einen Umweg dagegen wird sie (wieder) lebendig.

So ging es mir mit der „Bibel in gerechter Sprache“, deren konsequenter, aber im ersten Moment fremder Ansatz mir nicht nur an vielen Stellen die biblischen Schriften neu erschlossen, sondern auch die „vertraute“ Übersetzung Martin Luthers. Vor der „Verwendung“ im Gottesdienst und bei der Predigtarbeit lese ich beide sehr gründlich, und versuche zu erspüren, in welcher der Übersetzungen ich mich an dieser Stelle und warum eher wiederfinde. Mein eigenes Vorlesen der Texte im Gottesdienst führt so – in meiner eigenen Einschätzung zumindest – zu einer viel größere Präsenz.

Eine ähnliche Erfahrung habe ich mit dem Begriff der „Achtsamkeit“ gemacht, dem ich bei Jon Kabat-Zinn begegnet bin und der mir das Verständnis des völlig abgegriffenen Begriffs der Demut erschlossen hat (Predigt: Demut ist Achtsamkeit).

Tod des Mose (Deuteronomium 34)

Predigtreihe Wüstenwanderung (III)

Die vierzig Jahre in der Wüste sind herum.
Wieder steht das Volk Israel an der Grenze des gelobten Landes.
Diesmal werden sie den Jordan überschreiten.
Das Land in Besitz nehmen.
Endlich.
Doch einer wird nicht dabei sein.

Mose.
Ihr Anführer und Held.
Der sie aus Ägypten und durchs Schilfsmeer führte.
Der mit Gott auf dem Berg sprach und die Gebotstafeln erhielt.
Der mit Gott rang, als dieser aus Enttäuschung das Volk vernichten wollte.

Vierzig Jahre ist er voran geschritten.
Tag für Tag.
Hat sich das Murren des Volks angehört.
Hat mit ihnen Manna und Wachteln gegessen.
Und sonst nichts.
Vierzig Jahre lang.

Vierzig Jahre lang hat er nachts wach gelegen.
Geträumt vom gelobten Land.
In dem Milch und Honig fließen.
Ziel schlafloser Nächte.
Der Traum, der ihm vor Augen stand.
Wie wird es sein?
Meinen Fuß auf den versprochenen Boden setzen.
Den Duft von Blüten und Früchten riechen.
Aufatmen, ankommen.
Endlich.

Nun ist es so nah, das Traumland.
Und für Mose unerreichbar.
Hineinschauen darf er.
Mehr nicht.
Oben auf dem Berg hört er die Stimme Gottes:
Dies ist das Land, das ich dem Volk Israel versprochen habe.
Doch du wirst nicht hineinkommen.
Und so geschieht es.

Was für eine traurige Geschichte.
Warum lässt Gott ihn nicht hinein?
Ein paar Tage mehr.
Nach vierzig Jahren und mehr.
War das nötig?
Sein ganzes Leben hat er in diese Aufgabe gesteckt.
Gearbeitet.
Gerackert.
Gestritten.
Gekämpft.
Geärgert.
Und vor allem:
Geträumt vom Zielstrich.
Von diesem einen Tag.
Und nun:
Doch du sollst nicht hineinkommen.

Wir kennen das, oder?

Die Goldene Hochzeit ist geplant und man erlebt sie doch nicht mehr.
Ich muss in Pension gehen, weil die Altersgrenze erreicht ist und ein anderer führt meine Aufgabe zum Erfolg.
Ich will noch den Enkel groß werden sehen, den 18. Geburtstag mitfeiern, aber es kommt anders.
Die Mutter, von einer Krankheit dahin gerafft, sieht die eigenen Kinder nicht aufwachsen.
Ich fange etwas an und einer, eine andere führt es zu Ende.

Es gibt keine Garantien, sagt das Leben und die Bibel.
Selbst ein Mann wie Mose hat bei Gott keinen Stein im Brett.
Wenn es Zeit ist zu gehen, dann müssen wir gehen.
Traurig.
Bitter.
In unserem Empfinden oft ungerecht.
Wir suchen nach Erklärungen.
Fragen:
Warum?
Warum, Gott?
Warum so früh?
Warum ausgerechnet jetzt?
Die paar Tage, musste das wirklich sein?

Die Geschichte wird in der Bibel in dürren Worten erzählt.
Nur die Fakten werden genannt.
Ohne Erklärung.
Ohne Begründung.
Sie schreit nach einer Auslegung.

In der sixtinischen Kapelle in Rom hängt ein Bild von Luca Signorelli:
Die letzten Tage des Mose.
Mose steht auf dem Berg.
Ein Engel zeigt ihm das versprochene Land.
Gramgebeugt steht Mose da.
Schaut hinunter.
Mit sehnsuchtsvollen Augen.
Traurig.
Dann muss er sich abwenden.
Hinunter gehen.
Das hat Signorelli auch gemalt.
Schweren Schrittes steigt Mose hinab.
Um seinen Nachfolger zu bestimmen.
Und sich dann zum Sterben zu legen.
Aber hinter Mose ist ein Schatten zu sehen.
Ein Engel begleitet Mose.
Lässt ihn nicht allein.

Ich verstehe das Bild so:
Gott wendet sich nicht ab von denen ab, die ihre Ziele nicht erreichen.
Von denen, die die Früchte ihrer Arbeit nicht ernten.
Von denen, die ihre Träume nicht in Erfüllung gehen sehen.
Gott hat unsere Welt so eingerichtet, dass dies möglich ist.
Die einen erhalten den Siegespreis, die anderen nicht.
Die einen ernten die Früchte ihrer Arbeit, die anderen nicht.
Die einen sehen ihre Träume wahr werden, bei anderen erst die Nachfolgenden.
Wenn überhaupt.
Aber an Gottes Nähe ändert das nichts.
Weder Erfolg noch Scheitern können uns von seiner Liebe trennen.
Er lässt uns nicht allein.
Niemals.

Amen.

Scheiternde Pfarrer/-innen.

Andacht im Pfarrkonvent Dinslaken am 9. April 2014

I.

Vor drei Jahren regte Rechtsanwalt und Insolvenzberater Dr. Linderhaus im Sozialethischen Ausschuss (SEA) an, sich mit der Frage nach dem Scheitern von Menschen in unternehmerischen Zusammenhängen zu befassen. Seine Beobachtung: Wenn ein Betrieb Pleite geht, bekommen die entlassenen Mitarbeitenden Aufmerksamkeit und Zuspruch. Um die gescheiteren Geschäftsführer, Handwerksmeisterinnen, Prokuristen und Managerinnen kümmert sich dagegen kein Mensch.

Die uralte Teilung in Arbeitgeber und Arbeitnehmende wirkt in unseren Köpfen bis heute weiter. Eine Arbeitsgruppe des SEA hat sich mit dieser Frage beschäftigt und bereits mehrere Tagungen in der Akademie Rheinland organisiert. Im letzten September gab es über meine Beteiligung an einer Tagung auch hier in der Lokalpresse einen Bericht. Nie zuvor bin ich auf einen Artikel so oft angesprochen worden, vielfach von wildfremden Menschen. Gemeinsamer Tenor: Gut, dass da endlich mal jemand hinschaut! So lag es nahe, unsere Schuldnerberatung in den Pfarrkonvent einzuladen. Mit zwei Fragen:

Erstens: Wie sieht das bei uns im Kirchenkreis mit Schulden, Schuldnerinnen und Schuldnern aus?

Zweitens: Begegnen Euch Menschen, die unternehmerisch gescheitert sind und was bedeutet das für uns als Pfarrerinnen und Pfarrer in der Seelsorge?

Darüber werden wir gleich sprechen – doch zuvor möchte ich die Frage umkehren: Wie sieht es mit dem Scheitern von Pfarrerinnen und Pfarrern aus?

Eine heikle Frage, berührt sie doch das Themenfeld Erfolg und Leistung. Da stellen sich bei uns Pfarrersleuten sofort theologischen Fragen. Können wir über Erfolg und Scheitern im Pfarrdienst überhaupt sinnvoll reden, wenn das Ziel all unserer Bemühungen, nämlich Glaube, für uns unverfügbar ist?

„Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt.“ (Johannes 3,8) Oder in der BigS: „Die Geistkraft weht, wo sie will, und du hörst ihre Stimme, aber du weißt nicht woher sie kommt und wohin sie geht.“

So weit scheint alles klar.

II.

„… und du hörst sein Sausen wohl, du hörst die Stimme der Geistkraft.“ Eine Hintertür? Von den beobachteten, vielleicht auch nur vermuteten Wirkungen her denken und Erfolg und Scheitern im Pfarramt definieren?

Wir lernen gerade NKF. Da gilt es auf der linken Seite des Haushaltsbuches Ziele zu definieren. Und zwar so, dass sie erreichbar und überprüfbar sind. Doch hilft uns das wirklich weiter? Glaube zu wecken und zu schaffen kann ja kein solches Ziel sein. Und wenn eine Gemeinde als Ziel ausgibt: Den Gottesdienstbesuch um fünfundzwanzig Prozent zu steigern – dann mag dies überprüfbar sein. Aber es sagt nichts darüber aus, ob in gleichem Maße Glauben verstärkt oder geschaffen wurde. So kommen wir nicht weiter.

III.

Ich scheitere vor allem an mir selbst. Bei Erfolg und Scheitern geht es um Dinge, die mir wichtig sind. Welche Ziel will ich erreichen? Wo hänge ich mich mit Herzblut hinein und erhoffe Resonanz, Anerkennung, Wertschätzung?

Ich glaube, dass es uns Pfarrerinnen und Pfarrern leicht fällt, Scheitern zu verdecken und zu verstecken, auch vor uns selbst. Wir stehen selten in direkter Konkurrenz untereinander. Wir werden nicht nach einer wie auch immer definierten Leistung bezahlt. Wenn wir uns mit unseren „Angeboten“ auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten nicht durchsetzen, können wir schnell nach theologischen korrekten „Entschuldigungen“ greifen. Aber wie sieht es in mir aus?

Scheitere ich, wenn zum Familiengottesdienst wieder einmal nur zwei Kinder und sechzig Erwachsene kommen?

Scheitere ich, wenn Menschen sich über mich ärgern und aus der Kirche austreten?

Was ist mir wichtig, woran hängt mein Herz, wo steckt meine Leidenschaft drin – dort tut es weh, wenn ich meine Ziele nicht erreiche. Wir tun tausend Sachen als Pfarrerinnen und Pfarrer, manche gelingen, manche nicht. Aber das Gefühl, zu scheitern, empfinde ich nur bei wenigen Dingen.

Auch größere Zeiträume lassen mich nach Erfolg und Scheitern fragen.

Ich bin im Oktober 25 Jahre in meiner Kirchengemeinde – empfinde ich das in der Rückschau als eine Erfolgsstory oder als eine Geschichte des Scheiterns? An welchen Stellen ist es mir wichtig, wo schaue ich hin, was ist mir im Rückblick wichtig? Wo habe ich das Gefühl, ja, hier hattest du Erfolg, und nein, dort bist du gescheitert oder gar vor die Wand gefahren? Welche Signale empfange ich dazu aus meiner Gemeinde, wie werte ich diese?

Oder unser Superintendent – wie blickt er kurz vor dem Ruhestand auf seine Zeit in der Leitung dieses Kirchenkreises zurück? Herrscht Zufriedenheit über das Geschaffte vor oder das mulmige Gefühl, den Ansprüchen nicht gerecht geworden zu sein, den eigenen und/oder der anderer? Welche Herzensprojekte sind gelungen, welche nicht?

Wenn ich hier bei solch einer Bilanz das Gefühl habe, unter dem Strich bist du gescheitert,oder bei den Bereichen, die mir ganz besonders am Herzen lagen, dann tut das weh.

Theologisch gesehen mag dieses Empfinden noch so unsinnig sein. Auch aus systemischer Sicht, die mir sagt, so einfach lassen sich Ursache und Wirkung doch nicht bestimmen. Doch ich bin als Pfarrerin, als Pfarrer auch Mensch und von daher nehme ich Scheitern persönlich.

Ich setze mich in Strukturdiskussionen für den Erhalt eines bestimmten Arbeitsbereiches ein – und dann bestimmt eine Synode mehrheitlich, diesen nicht weiter zu führen. Gescheitert, alles umsonst?

Ich ackere allein oder mit anderen daran, ein Lieblingsprojekt auf die Beine zu stellen – und dann macht die Nachbargemeinde etwas Ähnliches und mein, unser Projekt scheitert. Alles umsonst?

Ich stecke viel Kraft und Zeit in den Aufbau von veränderten Strukturen oder Einrichtungen ein, das Ergebnis kann sich am Ende sehen lassen – und dann muss ich mit ansehen, wie sich in der Praxis die Struktur nicht bewährt. Alles umsonst?

Scheitern tut weh, auch im Pfarramt. Wo gehen wir hin mit unserem Schmerz, den Schuldgefühlen, der Verzweiflung?

Theologisch gesehen ist Scheitern „einfach“, menschlich schwierig. Weil ich permanent am Bewerten, Vergleichen, Urteilen bin. Und mich schnell in Frage stelle, wenn ein Projekt mit Herzblut scheitert. Dabei muss ich daran gar nicht schuld sein. Nicht nur die Mitgliederbefragung weist immer wieder darauf hin, dass es an vielen Stellen gesellschaftliche Trends gibt, gegen die einzelne Gemeinde oder gar einzelne Pfarrersleute kaum ankommen.

IV.

Und hier ist die Brücke zu vielen, die unternehmerisch scheitern. Natürlich gibt es Fehleinschätzungen, Fehlentscheidungen. Aber viele Unternehmen, viele Unternehmungen scheitern aus Gründen, die nicht in der Person der Unternehmerin liegen. Oft ist es ein Mischmasch aus persönlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Allerdings neigen wir in Deutschland – im Unterschied zu anderen Kulturen und Nationen – dazu, im Fall des Scheiterns vor allem uns selbst die Schuld zu geben. Und wer unter uns scheitert, erlebt ganz oft, dass er von seiner Umgebung so behandelt wird, manchmal wie ein Aussätziger. Das scheint, so sagen mir Fachmenschen, ein typisch deutsches Phänomen zu sein. Ich frage mich, ob unsere fünfhundertjährige Tradition im Umgang mit Schuld und Vergebung in der Nachfolge Martin Luthers mit dazu geführt hat, dass wir Deutsche Scheitern so schnell persönlich nehmen. Sollte diese Vermutung zutreffen, dann wäre zu fragen, was wir hier von anderen Kulturen und Ländern lernen können um Umgang mit Erfolg, Leistung, Scheitern und Versagen. Auch als Pfarrerinnen und Pfarrer.

V.

Scheitern ist ein Thema, über das nicht gerne gesprochen wird. Für den amerikanischen Soziologen Richard Sennet ist es gar das „große moderne Tabu“. Umgekehrt meint der katholische Theologe Herbert Frohnhofen, dass die Erfahrung des Scheiterns eines der Grundthemen, „wenn nicht gar das Grundthema der Bibel und damit jüdisch-christlicher Lebensdeutung (ist). Dabei wird das Scheitern des Lebens bzw. im Leben beileibe nicht als Ausnahme, sondern (…) faktisch eher als Normalfall wahrgenommen und gedeutet.“

Gründe genug, sich damit zu befassen, jede und jeder ganz individuell und auch gemeinsam. Letzteres wollen wir heute Vormittag tun.

Amen.

 

Literatur:

- Herbert Frohnhofen: Scheitern als Herausforderung. Thesen zur Lebensdeutung aus philosophischer und jüdisch-christlicher Sicht
( http://www.theologie-beitraege.de/scheitern.pdf )

- Susanne Zehetbaur: Scheitern.
( http://engagiert.de/no_cache/engagiert-archiv/2012-11-single/article/scheitern.html )

- „Wenn Angst die Seele frisst …“ Das Risiko beruflichen Scheiterns als Herausforderung für Einzelne und für die Unternehmenskultur. Tagung der Evangelischen Akademie Rheinland, Bonn, 27. – 28.9.2013. epd-Dokumentation 8/2014. Darin u.a.:

- Matthias Jung: Scheitern. Mitleiden. Klagen.
(Ursprünglich veröffentlicht unter:
http://blogmatthiasjung.wordpress.com/2012/11/21/scheitern-mitleiden-klagen/ )